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Billa fährt im Drive In mit Vollgas in die Zukunft © Billa/Christian Dusek
© Billa/Christian Dusek

christian novacek 01.12.2017

Billa fährt im Drive In mit Vollgas in die Zukunft

Die Filiale im 23. Wiener Bezirk ist ein krasses Stück Handelszukunft, solide in der Gegenwart verpackt.

••• Von Christian Novacek

Billa kann jetzt Drive In. Was bei Burger und Pommes Standard ist und teils (McDonald’s) für ein Drittel des Umsatzes stehen kann, ging bei der Rewe-Vertriebsschiene diese Woche an den Start. Mit vorerst noch nicht konkret gefassten Vorsätzen: „Wie viele Billa Drive In es letztlich geben wird, hängt vom Erfolg dieser Filiale ab”, sagt dazu Vorstand Robert Nagele.

„Diese Filiale”: Für den Testlauf hat sie die idealen Rahmenbedingungen. Im 23. Wiener Bezirk, in der Perfektastraße, arbeiten viele, wohnen wenige. Für das schnelle Kofferraumbefüllen am Abend ist das ideal. Die Folgerung: Wenn’s nicht läuft, würde man es dann wohl erst mal lassen.

Drive In mit Potenzial

Zumal: Es gibt auch das Modell, Testfilialen dort zu ins Rennen zu schicken, wo die Bedingungen widrig sind – mit der Conclusio: Wenn’s hier funktioniert, funktioniert es überall. Dennoch sind beim Billa Drive In die Potenziale keineswegs aus der Luft gefischt: Zwar ist das innerhalb der Rewe eine ganz starke Pioniertat (die Rewe in Deutschland hat das nicht), und im deutschen Sprachraum dürfte es gleichfalls der erste Versuch dieser Art sein – aber in Frankreich (einem Markt, der von Großflächen dominiert ist) fahren sie schon lange rein und raus im Drive In-Haus. Was ebenda in der Praxis für einen Umsatzanteil von 15% stehen dürfte.

Willkommen in der Zukunft

Was anhand dieser Billa-Filiale klar ins Auge springt: Rewe will hierzulande im technischen Belang die Poleposition einnehmen – einmal, was das Gesamtpaket in puncto modernes Einkaufen betrifft: „Unsere Kunden haben drei Möglichkeiten: Click and collect, die Zustellung nach Hause und den Drive In”, fasst Vorstand Josef Siess das Online-Rundum-Sorglospaket zusammen. Technische Schmankerl gibt es ebenso im Detail: Ein Ananas-Schneider von San Lucar verwandelt die ruppige Frucht flugs in fruchtige Scheiben – ein Convenience-Vorteil der überaus flotten Art.

Convenience wird auch in der Theke groß geschrieben. In der sogenannten Fein-Snäckerei werden auf 80 m² verschiedene warme und gekühlte Snacks, bunte Salate, Sushi, aufgeschnittenes Obst, frisch gepresster Orangensaft und Coffee-to-go feilgeboten. Kunden können sich ihre Produkte selbst nehmen, ohne lange Wartezeit direkt in der Fein-Snäckerei bezahlen – und sogleich im gemütlichen Ambiente schmausen, bei schönem Wetter sogar unter freiem Himmel im neuen Billa Gastgarten. Komplettiert wird der moderne gastronomische Zugang anhand des Mottos „einmal bezahlen, mehrmals bedienen”: Eine Refill-Getränkestation steht zur Verfügung, überdies noch eine Mikrowelle für die Zubereitung der fertigen Gerichte von Simply Good. Fraglos: Billa macht hier keinen halbherzigen Schlenker in Richtung Gastronomie, sondern will dieser offenbar einen Takt vorgeben.

Return of the ESL

Eine technische Finesse, die bereits vor Jahrzehnten Furore machte, geht nun in Serie – die Electronic Shelf Labels. Deren Vorteile sind unverändert: elektronische Preisauszeichnung statt Papier, zentral gesteuert, schafft Aktionspreissicherheit, flexible, prompte Preisgestaltung – weniger Arbeit fürs Personal und mehr Vertrauen beim Konsumenten. Was ehedem am Preis scheiterte, ist nun vorteilhaft: „Wir werden in den kommenden Jahren alle Filialen mit ESL ausstatten”, sagt Siess. Den Vorbehalt von Konsumentschützern, dass mit diesem Instrument für den Kunden unvorteilhafte Preiskurven gezogen würden, relativiert Siess: „Natürlich gibt es Bereiche, wo das sinnvoll ist, etwa beim Abverkauf von Frischeprodukten. Aber ein permanentes Drehen an der Preisschraube kommt für uns niemals infrage.” Der Billa-Vorstand verweist auf täglich 800.000 Kunden, deren Vertrauen er sicherlich nicht „leichtfertig aufs Spiel setzen” werde. Die Kosten der elektronischen Preisschilder dürften derzeit bei 50 bis 60.000 € pro Geschäft liegen – was sich innerhalb von drei Jahren rechnen sollte.

So viel Technik, so viel Convenience – das braucht Platz. In der Perfektastraße ist er mit 1.320 m² großzügig bemessen. „Für 2018 planen wir sechs weitere Filialen in dieser Größenordnung”, öffnet Vorstandskollege Robert Nagele einer Dimension die Tür, die visionär groß angelegt ist – solange sie nicht von der Raumordnung gebremst wird.

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