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Bio-Kult: Aus der Nische rein in die Sackgasse? © Panthermedia.net/Oleg Doroshin
© Panthermedia.net/Oleg Doroshin

daniela prugger 10.07.2015

Bio-Kult: Aus der Nische rein in die Sackgasse?

Lebensmittel In Österreich haben Bio-Lebensmittel einen guten Ruf und erfreuen sich großer Beliebtheit, ein Blick ins Nachbarland Deutschland zeigt dagegen ein anderes Bild, denn die Bauern haben es alles andere als einfach.

Wien. Wird „Bio” immer mehr zur anonymen, gesichtslosen Massenware? Zumindest in Öster­reich kann diese Frage ganz klar mit Nein beantwortet werden: Hierzulande dominieren die starken Marken, also Ja! Natürlich oder NaturPur, Natürlich für uns. Bio-Lebensmittel haben in Österreich einen äußerst guten Ruf, nur als teuer gelten sie – so teuer, dass der Preis das entscheidende Gegenargument für den Kauf darstellt. Dennoch ist „Bio” längst gesellschaftsfähig und hat sich von der linken Öko-Vision unter anderem zum Marketing-Hit der Lebensmittelkonzerne ent­wickelt.

Big Business

„Bio für alle”, hieß es in Deutschland Anfang der 2000er-Jahre, als die damalige grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast ein Förderungsprogramm für Bio­ware startete und diese salonfähig machte. Lebensmittelketten wie Denn's und Alnatura entstanden, die großen Händler Rewe und Edeka sprangen auf den Bio-Zug auf, und bald schon füllten auch die Discounter ihre Billigregale mit ökologisch angebauten Nahrungsmitteln. Und irgendwann schnappte die „Konventionalisierungsfalle” zu, wie der Spiegel in seiner Titelstory 45/2014 schrieb. Autor und Journalist Peter Laufer ging für sein Buch „Bio? Die Wahrheit über unser Essen” auf Reisen und schreibt über positive, aber auch viele negative Erlebnisse, die zeigen, wie leicht Konsumenten dazu verführt werden, Bio zu kaufen und Kennzeichnungen zu vertrauen. „Der Handel mit Bio-Lebensmitteln lebt von Verbundenheit und Vertrauen”, so Laufer (S. 266). Doch das Fazit seiner Recherchen fällt ernüchternd aus: Von Transparenz kann in der internationalen Bio-Wirtschaft keine Rede sein, Interessenskonflikte sind unvermeidlich, und offizielle Urkunden sind einfach zu fälschen. „Man muss kein Bio-Taliban sein, wenn einen bei manchen Entwicklungen der Bio-Branche ein leicht mulmiges Gefühl beschleicht”, kommentiert Thomas Weber, der Herausgeber des Magazins Biorama, im Nachwort. Längst sei Bio weltweit zur Industrie ausgewachsen – und das Big Business bietet Angriffsflächen.

No country for old men

Die deutschen Biobauern müssen bereits jetzt mit ansehen, wie Billig-Bioware aus dem Ausland die Preise verdirbt und „Bio” seine Identität verliert. „Innerhalb weniger Jahre ist ein System, das einmal als Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft angetreten war, von einer echten gesellschaftlichen Alternative zu einer alternativen Produktionstechnik geschrumpft”, hieß es im Spiegel. Zwar ist Bioware nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland beliebter denn je. Leicht haben es Erzeuger aber nicht. Denn die gesetzlichen Richtlinien in der EU zu Tierschutz sowie Tierhaltung und Produktionsbedingungen sind streng. Doch das größte Problem für die deutschen Ökoproduzenten ist der Mangel an Ackergrund. Um einen ordentlichen Ertrag zu erzielen, brauchen Biobauern mehr Land als konventionelle Bauern. Schließlich wird der Boden im ökologischen Sinne schonend bewirtschaftet, die Fruchtfolgen werden eingehalten, und auf Chemie wird verzichtet. Doch „schon jetzt besetzen Energiepflanzen fast ein Fünftel des gesamten Ackerlands in Deutschland”, heißt es im Spiegel weiter.

Es war einmal ein Bioland

Von 2013 auf 2014 stieg die Anzahl der Bio-Erzeugerbetriebe um 2,9% auf 23.937 Betriebe, die deutsche Öko-Fläche wuchs im Jahr 2014 auf 1.089.000 ha – also um +2,7% (Quelle: Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft). Zum Vergleich: Im kleineren Land Öster­reich belief sich die Anzahl der Bio-Betriebe im Jahr 2014 auf gesamt 20.887 (-4,2% zum Vorjahr), dagegen wuchs die Bio-Fläche auf 524.435 ha – also um +0,4%. (Quelle: Bio Austria). Für Peter Laufer ist das Land Öster­reich gut aufgestellt, erklärte er gegenüber ORF.at (Erstellt am 27.06.2015): „Ich habe mir das österreichische System angesehen und zwei wichtige Dinge festgestellt: Erstens kaufen die Österreicher vor allem lokale Produkte, das hilft schon einmal. Und zweitens sind öffentliche Stellen in den Zertifizierungsprozess fest eingebunden. Das kann in einer globalisierten Welt allerdings nicht isoliert betrachtet werden. Handelsketten kaufen Produkte aus der ganzen Welt. Sie können sich nie sicher sein, was hinter weitgereisten Biosiegeln wirklich steckt; das haben sie mir gegenüber auch bestätigt.”
Am liebsten kaufen österreichische Konsumenten ESL-Milch, Frischmilch und Bananen, gefolgt von Kartoffeln, Naturjoghurt und Eiern (Quelle: RollAMA). Ausschlaggebende Argumente dafür sind laut RollAMA die Besinnung der Konsumenten auf eine gesunde Ernährung, aber auch der bewusste Verzicht auf Chemie und der Wunsch nach einer besseren Qualität. Im Lebensmitteleinzelhandel machte der Bio-Anteil in 2014 wertmäßig bei Trinkmilch bereits 15,7% aus (Grafik 1). Besonders hoch war der Anteil auch bei Kartoffeln (14,4%) und Eiern (17,2%). Mengenmäßig betrug der Bio-Anteil bei Trinkmilch 13,8% und bei Eiern 10,5% (Grafik 2). Ob Einkaufen mit gutem Gewissen oder Kaufen eines guten Gewissens – in Österreich leisten sich Konsumenten Bio. „Heavy User” sind hierzulande Konsumenten mit einem höheren Bildungsabschluss. Und für die urbane Bevölkerung sind Biolebensmittel mittlerweile ein Statussymbol.

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