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Der Bio-Boom der Beauty-Branche © Panthermedia.net/Anton Matyukha
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Ornella Luna Wächter 17.11.2017

Der Bio-Boom der Beauty-Branche

Natürliche Kosmetikprodukte sind gefragt wie nie, doch je nach Siegel kann die „Natürlichkeit” der Inhaltsstoffe variieren.

••• Von Ornella Luna Wächter

Naturkosmetik ist ein Bereich, der größtenteils sich selbst überlassen wurde. Es gibt – anders als im Lebensmittelhandel – keine einheitlichen Standards. Der Markt hat somit begonnen, sich selbst zu regulieren, indem Qualitätsstandards und Normen für Zertifizierungen selber definiert wurden. Eine unüberschaubare Vielfalt an Marken und Labels tummelt sich in diversen Dro­gerien und Parfümerie-Ketten. Der Markt hat „enorm zugelegt”, sagt Elfriede Dambacher, Programmvorsitzende des internationalen Naturkosmetik Branchenkongresses, der im Februar 2018 in enger Zusammenarbeit mit der Vivaness in Nürnberg stattfindet.

Im Februar 2016 publizierte ihr Unternehmen Naturkosmetik-Konzepte ein 4,5%iges Umsatzplus für Naturkosmetik in Deutschland. Damit bleibt das Segment ein stabiler Wachstumsmarkt innerhalb des Kosmetikmarkts. Das Plus macht somit deutlich, wie Naturkosmetik für Verbraucher zunehmend wichtig wird – gerade bei der Gesichts- und Körpercreme. Bei Spezialprodukten wie Haarstyling oder UV-Schutz greifen dagegen noch viele zu herkömmlicher Kosmetik. Zertifizierte Naturkosmetik verlangt, dass nur natürliche Rohstoffe, die aus kontrolliertem biologischen Anbau stammen oder aus Wildsammlungen, im Cremetopf landen. Verboten sind jegliche synthetische Farb-, Duft- und Konservierungsstoffe, Silikone, Parabene oder Rohstoffe auf Erdölbasis.

Natur ist hoch im Kurs

Dambacher referierte vor etwa einem Monat in Wien über den Markt für Naturkosmetik in Deutschland, konnte jedoch keine genauen Marktzahlen über Österreich liefern. Es gebe einfach keine klaren Statistiken über den Markt für Naturkosmetik hierzulande, und man könne daher nur Schätzungen abgeben, die u.a. auf der Grundlage von Tiefeninterviews mit verschiedenen Marktteilnehmern geführt wurden. Der Umsatz mit Naturkosmetik liege dabei um die 100 Mio. €, so Dambacher. In Deutschland liegen die Marktanteile von Naturkosmetik bei 8,5% und haben ein Volumen von 1,150 Mrd. €. Zusammen mit naturnaher Kosmetik beträgt der Marktanteil bereits 16,5%.

Problematisch ist allerdings, dass es keinen EU-weiten Zertifizierungsstandard für Naturkosmetik gibt. Das BDIH-Logo (Bundesverband der Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und kosmetische Mittel e.V.) garantiert 100% natürliche Zutaten. Das Ecocert-Zeichen erlaubt wiederum Inhaltsstoffe, die bei anderen Siegeln nicht erlaubt sind. Laut der Expertin Elfriede Dambacher gebe es Gespräche über eine EU-weite Regulierung von Zulassungsbedingungen; sie gibt aber auch zu bedenken, dass alle mühsam erarbeiteten Standards diverser Unternehmen somit obsolet würden und Umstellungen mit hohen Kosten verbunden seien.

Siegelvielfalt im Handel

„Mit wert­vollen Inhalts­stoffen aus der Natur” oder „Frei von Silikonen und Mineral­ölen” – mit diesen und ähnlichen Sprüchen bewerben Hersteller ihre Pflegeprodukte. Da es keine allgemeine, geschützte Definition für Naturkosmetik gibt, stehen Verbraucher zuerst vor einem Kosmetik-Dschungel, in dem verschiedenste Hersteller mal berechtigt oder weniger berechtigt behaupten, ausschließlich natürliche Inhaltsstoffe in ihren Cremen, Düften usw. zu verwenden.

Die NGO Global 2000 hat sich vor einem Jahr für Konsumenten fast 60 Naturkosmetik-Marken angesehen und fand zwölf verschiedene Zertifizierungen. Am häufigsten tauchten die Zertifikate Natrue (35%), BDIH (28%) und Ecocert (9%) auf, gefolgt von zahlreichen anderen Labels, die sich weniger in Naturkosmetik positionieren, sondern keine tierische Inhaltsstoffe verwenden, Tierversuche ablehnen oder in der Herstellung auf eine ökologische CO2-Bilanz achten. Erfreulicherweise zeigte sich, dass sämtliche 317 Artikel frei waren von hormonell wirksamen Inhaltsstoffen und anderen Konservierungsmitteln, Duft oder Farbstoffen. 16% der Produkte wiesen überhaupt keine Zertifikate auf, was oft bei kleineren Marken vorkommt, die sich die kostenpflichtige Zertifizierung nicht leisten können.

Global 2000 sieht den Siegel-Dschungel kritisch; in ihrem Bericht schreibt die Organisation: „Es hat leider den Anschein, als würden manche Kosmetikhersteller und Händler diese unübersichtliche Situation und das Fehlen gesetzlicher Standards dazu nutzen, um ihren Produkten ein grünes Mäntelchen umzuhängen.” Marken wie Lush, Bodyshop oder Yves Rocher zum Beispiel bezeichnen sich als „naturnah”, was allerdings nicht gleichzusetzen ist mit Naturkosmetik. Handlungsbedarf sieht sowohl Dambacher als auch Global 2000, wenn es darum geht, ­Naturkosmetik von konventioneller zu unterscheiden.

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