RETAIL
Der böse Kassendrache © Panthermedia.net/Lisa Young

Im Kassenbereich steht und fällt die Qualität des Einkaufserlebnisses.

© Panthermedia.net/Lisa Young

Im Kassenbereich steht und fällt die Qualität des Einkaufserlebnisses.

christian novacek 10.07.2015

Der böse Kassendrache

Die Finstere Brille Beim Wochenendeinkauf ist mein Aggressionspegel so hoch wie sonst nur beim Egoshooterspielen

Ausweitung der Kassenzone: Ein retail-Redakteur im Kampf gegen Drachen und rülpsende Kassaboys.

Wien. Der Supermarkt ist ein Ort der Begegnung, und bekanntlich sind nicht alle Begegnungen erquicklich. Im Lauf der Jahre habe ich allerdings Kontrolle gelernt: Ich fahre den langsam dahinzuckelnden Pensionisten nicht mehr mit dem Wagerl auf die Ferse. Und ich beuge mich nicht mehr drei Minuten raumfüllend über eine Gemüsesteige, bis ich die definitiv frischeste Tomate ausfindig gemacht habe. Lediglich im Kampf um die beste Startaufstellung in der Kassenzone passiert mir dann und wann ein schmutziges Wortgefecht, das immerhin branchenaffin ausfällt, also etwa: „Hey Oida, das wär jetzt aber keine logistische Meisterleistung von dir, wennst dich mit dem Wagerl kurz schleichst, damit ich vorbeikann!” Für diese aufrichtig gemeinte Ermahnung wurde ich meinerseits von einer adretten 50-Jährigen, die aussah wie 30, moralisch niedergeknüppelt – mit dem Verweis auf die Leidensfähigkeit der Erdbebenopfer im Himalaya.

Ja eh. Normalerweise ist nun am Ende des Einkaufs das Kassenpersonal jenes Zünglein an der Waage, das zwischen versöhnlichem Ausklang eines Einkaufserlebnisses oder frühzeitig verpatztem Wochenende entscheidet. In meinem am Wochenende bevorzugten Verbrauchermarkt in Baden bin ich diesbezüglich nicht immer mit Glück gesegnet. Folgendes Erlebnis führte zu einer posttraumatischen Einkaufsstörung.
Ort: Verbrauchermarkt, Baden, Kassenbereich. Als geviefter Stratege lege ich die Sachen in der Reihenfolge aufs Band, wie ich sie danach in den Korb schlichten will. Nachdem ich nur solange aufs Band schlichten kann, wie Platz ist, und ich keinesfalls schwere Bierdosen hinter die Chips stellen will, frage ich die Kassiererin: „Könnten's bitte auf den Knopf drücken, damit ich weiter raufstellen kann?” Die Antwort kam ungestüm wie ein Orkan: „Und als Nächs­tes sagen Sie mir noch, wann ich kassieren darf?!” Na gut, also doch das Bier auf die Chips drauf. Da bin ich dieserart eh schon nachgiebig, nixdesto triumphiert der Kassendrache – dann nämlich, als ich endlich alles drunter und drüber im Einkaufskorb habe, nochmals mit der Frage: „So und ist es dem Herrn jetzt recht, wenn ich kassiere?” Ich nicke demütig.
Das war vor einigen Jahren. Den Kassendrachen gibts immer noch. Vor einem halben Jahr vermeinte ich, ihn im geschwächten Zustand besiegen zu können. Er hatte Schnupfen und war recht weinerlich beinander, weil er trotzdem arbeiten musste. Ich heuchelte Mitleid. Und frug unschuldig, ob ich meinen Monatsrabatt schon jetzt, beim ersten Einkauf des Monats, einlösen könnte, ohne Aufdruck am Kassenbon. „Erst kriegen Sie einen Kassenbon, dann können Sie das einlösen!”, weinte der Drache. „Ja, aber Sie haben das ja eh im Computer und ich hab grad heute extra viel gekauft.” Draufhin richtete sich der vermeintlich verwundete Drache auf, schüttelte die Grippe aus seinem Gebein und fauchte bedrohlich: „Erst Coupon, dann Monatsrabatt!” Wie schon vor fünf Jahren räumte ich demütig und möglichst rasch das Feld.

Der rülpsende Kassaboy

Die Alternative zur Badener Einkaufsstätte ist der Supermarkt in Gumpi. Der ist auch nicht ohne. Ihm verdanke ich mein High-Score-Negativ-Erlebnis in Sachen Bedrohungen in der Kassenzone. Ein – mittlerweile die Karriereleiter rauf oder runter gefallener, nicht mehr greifbarer – Kassaboy begrüßte ebenda den Kunden vor mir mit lautem Rülpsen. „No, geht's eh?”, fragte der Kunde darauf, und der Kassajunge murmelte eine Entschuldigung, grinste dabei, weil's für ihn offenbar eine rechte Erleichterung war. Dann komm ich an die Reihe und ich fürchtete schon, das Rülpsen wäre eine Art Begrüßungsritual und ich müsste kontrarülpsen oder ich krieg Haue. Aber ich wurde gar nicht begrüßt. Stattdessen mit finsterer Stimme gefragt: „Willst a Kundenkarten?” Ich schüttelte instinktiv den Kopf und beschloss für mich: Kundenkarte, nur das nicht. Gleichzeitig aber fragte ich, meinem Kopfschütteln widersprechend, offenbar gefangen im archaischen Kommunikationsrhythmus: „Kundenkaaaaahrte?!” Da hat's sogar dem ungenierten Kassaboy das Rülpsen verschlagen.

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