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Der große Schwindel © panthermedia.net/Subbotina
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20.11.2015

Der große Schwindel

Kaltgepresst? Von wegen! In keiner anderen Lebens­mittelbranche wird so viel getrickst wie bei der Herstellung von Extra Vergine Olivenöl.

••• Von Natalie Oberhollenzer

Ein jeder hat es mittlerweile in seiner Küche stehen: Extra Vergine Olivenöl. Das sogenannte grüne Gold aus dem Süden landet bei den meisten Verbrauchern in der Salatmarinade, eignet sich zum Braten (ja, es ist ein Ammenmärchen, dass man es dafür nicht verwenden sollte), zum Kochen und zum Backen. Doch ob es wirklich extra vergine, sprich kaltgepresstes („jungfräuliches”) Olivenöl ist? Das ist gar nicht so sicher. Denn auf der ganzen Welt wird rund neunmal so viel Olivenöl gekauft wie produziert wird, weiß Richard Schweger, ein Unternehmer, der das Lebensmittel selbst verkauft.

„Eigentlich ist die Sache klar geregelt. Es gibt grob gesagt drei Güteklassen: Einmal ist es das Olivenöl, dann das Olivenöl vergine (oder nativ) oder die Variante ex­tra vergine (extra nativ); das ist die höchste Qualitätsstufe”, erklärt er. Denn: Während im bloßen Olivenöl nur fünf Prozent des gleichnamigen Stoffs enthalten sein müssen, gilt für die vergine- und extra-vergine-Klasse das Reinheitsgebot. Das Öl muss ausschließlich aus Oliven bestehen und auch noch kaltgepresst sein. Beim extra nativen Produkt sind darüber hinaus noch keine sensorischen Fehler gestattet. Es darf nur mechanisch und bei einer Temperatur von höchstens 27 Grad extrahiert werden und es darf einen bestimmten Säuregrad nicht überschreiten, so schreibt es die EU vor. Ein edles, gutes Olivenöl dieser Klasse schmeckt ein wenig bitter, je nach Sorte auch ein bisschen mehr oder weniger, scharf und fruchtig, vielleicht nach Tomaten, nach Gras oder nach anderen wohlduftenden Nuancen aus der Natur.

Pantschen, wo's geht

Die Realität in den Supermarkt­regalen sieht leider nicht so aus. Die Öle, die dort in der Klasse Extra Vergine verkauft werden und zum Teil nur um die drei Euro kosten, schmecken meist nicht nach besonders viel – wenn man Glück hat. Hat man Pech, schmecken sie ranzig, modrig, schmierölartig oder gar metallisch. Woran das liegt? „Weil das Extra Vergine Öl groß in Mode gekommen ist; jeder will Öl auf diesem höchsten Niveau kaufen”, weiß Schweger. Darum ist das Fälschen von Extra Vergine in den letzten Jahren zu einem großen Geschäft geworden. In kaum einem anderen Essens-Segment wird so viel getrickst. Es ist eine richtig­gehende Olivenöl-Mafia entstanden, innerhalb derer gepanscht wird, was das Zeug hält.

Das Extra Vergine Öl wird aus so ziemlich allem gemacht, was möglich ist. Sonnenblumenöl wird dazugemischt, Nussöl oder das eigentlich für Öllampen bestimmte Lampantöl. Noch häufiger wird in Sachen Herkunft getrickst: Oliven aus Tunesien oder der Türkei werden in einer toskanischen Ölmühle ausgequetscht und simsalabim in toskanisches Premiumöl verwandelt – wobei das auch noch legal ist, allerdings muss seit 2008 auf dem Etikett auf die Herkunft der Oliven aufmerksam gemacht werden. Viel schlimmer aber noch wiegt, dass ein Großteil der angebotenen Billig-Öle schon im schimmeligen Zustand in die Regale gelangt. Damit es nicht so furchtbar stinkt, wird es mittels Erhitzung oder anderer chemischer Verfahren „desodoriert”. Dann schmeckt es nicht mehr nach viel – eben so, wie es die meisten Verbraucher von einem Olivenöl ohnehin erwarten.

Ein bisschen etwas bekommt der Endkunde mit, wenn die Produkte von unabhängiger Seite aus getestet werden. Der heimische Verein für Konsumentenschutzinformation etwa führt regelmäßig Olivenöltests in heimischen Supermärkten durch. Auch heuer war es wieder so weit und auch heuer wieder schnitten die 18 untersuchten Testprodukte nur schlecht bis passabel ab. Das Ergebnis: Kein einziges Öl schaffte bei der Expertenverkostung die Bestnote. Sechs Proben, so viele wie noch nie bei den VKI-Öltests, wurden als sensorisch gut beurteilt. Vier Öle dagegen wurden in der Skala ganz unten eingestuft, drei wurden von den Verkostern aufgrund ihres Fehlgeschmacks vom Extra-Vergine-Thron zurückgestuft.
Weder beim Penny-Produkt „San Fabio” noch bei Bertolli (Unilever) und Carapelli handelte es sich um Öle dieser Sorte. In drei Ölen wurden verbotene (weil krebserregende und fortpflanzungsschädigende) Weichmacher entdeckt. Viel zu viel davon steckte in jenem der Eigenmarke Billa, und etwas geringere Mengen in der Marke Minos und der eigentlich als recht edles Label geltenden Conte di Cesare. Außerdem erhielten alle Öle die krebserregenden Umweltschadstoffe PAK. In manchen fand sich sogar ein regelrechter Cocktail davon, in Ja! Natürlich, Mani und Minus fanden die Tester gleich neun verschiedene PAK.

Die EU hilft mit

Der ganzen Schwindlerei Tür und Tor öffnet auch eine seit April 2011 geltende EU-Verordnung. Seitdem ist in der Union der Verkauf von Nativ Extra-Öl auch mit einem Gehalt von bis zu 150 Milligramm Alkylestern pro Kilogramm Öl erlaubt; das sind chemische Verbindungen, die beim Pressen schlechter Fruchtqualitäten oder beim Panschen entstehen.

Oliven, fair und bio

Schweger, der zusammen mit seiner Gattin Margit Oliven und Öle unter dem Label Noan verkauft, hat sich für einen anderen Weg entschieden: 2009 gründeten die beiden das Familienunternehmen, das nach dem Prinzip der Noan Six, sprich auf sechs grundsätzlichen Säulen, wirtschaftet: „Organically Made, Fair Made, Clean Made, For Health, For Enjoyment, For Responsible Giving”. Das heißt: Beim Öl wird ausschließlich auf biologische Landwirtschaft und auf eine faire Kooperation mit Bauern gesetzt. Nur umwelt- und gesundheitsverträgliche Verarbeitungsverfahren kommen zum Einsatz. Und: Alle erwirtschafteten Erlöse werden in Bildungsprojekte für bedürftige Kinder und Jugendliche gesteckt. Dadurch werden die Welten des direkten Handels mit denen der ­direkten Spende vereint.

„Den gesamten Reinerlös und jedenfalls garantierte zehn Prozent des Umsatzes spenden wir”, erzählt das Schweger-Paar. Knapp 100.000 Euro sind dadurch bis dato schon zusammengekommen. Doch der Kunde schätzt das Olivenöl nicht nur deshalb, sondern in erster Linie wohl wegen seiner herausragenden Qualität. Denn es schmeckt so, wie ein richtiges Olivenöl schmecken soll. Es ist schmeckbar fruchtig, verfügt über eine gewisse Schärfe und eine gewisse Bitterkeit im Abgang. Es schmeckt eben nicht nach nix – wie so viele andere Öle in den Regalen. Dass bei der Konkurrenz so viel getrickst wird, sehen die Schwegers relativ gelassen. Auf die Frage, ob man sich ein strikteres Vorgehen gegen diese Betrügereien wünschen würde, entgegnet ­Richard Schweger: „Es würde schon reichen, wenn sich die Hersteller an die gesetzlichen Regelungen halten würden. Also wenn die Flaschen richtig beschriftet würden. ”
Die Anbieter der Produkte, die beim VKI-Olivenöltest durchgefallen sind, bekamen vom VKI die Gelegenheit, Stellung zu beziehen. Vonseiten Billa (Öl der Eigenmarke Billa) hieß es, dass man die beanstandete Charge „umgehend” aus dem Verkauf genommen habe. Was die ebenfalls beanstandeten Marken San Fabio, Bertolli und Carapelli betrifft, hat die Rewe umgehend Kontakt mit den Lieferanten aufgenommen.

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