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die finstere brille
christian novacek 17.04.2015

die finstere brille

Am 13. April starb Günter Grass. Am Abend des 13. April bekam ich eine Mail des Buchhändlers mit Günter Grass-Angeboten. Das Geschäft mit dem Tod ist ein altes. In einigen Kunstsparten ist der Tod der bessere Verkäufer – nachgerade in der Literatur wurden einige Dichter posthum erst so richtig lebendig, sprich: gelesen. Die prompte Reaktion des Online-Buchhändlers hat mich dennoch mehr gestört denn zum Kauf verlockt. Es ging mir schlichtweg zu schnell. Ich stell mir den Gevatter in der Buchdruckerei vor: Mit der einen Hand die Dichter-Köpfe absäbelnd, die andere den Buchdruckknopf drückend. Bücher gehen sonst ein gemächliches Tempo. Schlägt man sie auf, ist Entschleunigung angesagt – nicht nur für Leseschwache. Beschleunigung ist das Gegenteil von Büchern. Der Moderne gegenüber sind sie resistent, nicht inhaltlich, aber in Gepflogenheiten. Während die Schallplatte oft einen Gratis-Download-Code beigibt, kommt das Bücherlesen auf Kindle plus Papierversion teuer, nahezu aufs Doppelte, im Fall der gerade erschienen Salinger-Bio wären da 60 Euro zu berappen. Eine Branche, die es sich erlaubt, so unzuvorkommend alt zu agieren, hätte Herrn Grass durchaus ein wenig mehr Ruhe gönnen dürfen.c.novacek@medianet.at

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