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Die Zeiten ändern sich
Von Christian Novacek 06.05.2016

Die Zeiten ändern sich

Vor 20 Jahren hätt ich mit TTIP meine hellste Freude gehabt – heute kann ichs nur heftigst ablehnen.

Die Finstere Brille ••• Von Christian Novacek


TTIP NEIN DANKE! Vor 20 Jahren hätt ich mich über TTIP recht gefreut. Damals hab ich noch Schallplatten in Amerika bestellt (bei Loran Records) und es war immer ein ziemlicher Nervenkitzel, ob das nun verzollt wird oder nicht und wenn ja, in welcher Höhe. Netterweise hat der Checker in Übersee meine Jazzplatten als gebraucht und wertlos angeführt, wodurch er mir einiges an Kosten erspart hat. Aber manchmal ging doch was schief. Einmal verirrte sich ein Plattenpaket nach Australien. Mit einem halben Jahr Verspätung kam es im tiefen Weinviertel an – und war so lädiert, dass mir der australische Wüstenstaub in jeder Plattenrille ein Parallelkonzert kratzte. Und ein anderes Mal wurde ich wegen einer Zappa-LP-Box aufs Zollamt nach Wien zitiert. Das der Box beigelegte T-Shirt musste ich der Caritas spenden, um das Packerl loszueisen. Das ärgerte mich sehr – mit der ­Caritas hab ich mich erst wieder versöhnt, als ich bei denen um 50 Schilling ein Sakko mit Hirschgeweihknöpfen erstand, das mir beim Vorstellungsgespräch bei der Fachzeitschrift Regal eine Woche drauf gute Dienste leistete.

Ja und auch vor 30 Jahren hätt ich mich über TTIP riesig gefreut, weil als Student hatte ich gegen billiges Essen nichts einzuwenden. Statt Reis mit Ketchup hätt ich sicher lieber hormonell aufgepimpte Rindersteaks gefuttert.

Die Evolution der Mimose

Aber heut ist halt mal alles wieder anders. Mein Essverhalten hat sich verändert. Ich hab mich zum Mimöschen entwickelt, fürcht mich vor ­Allergenen, Milchprodukten und Süßstoffen, und kaufen tu ich nur das Frische und biologische Zeug. Und wenn die Industriellenvereinigung meint, dass TTIP so viel Arbeitsplätze schafft, und dass die Landwirtschaft mächtig von der EU profitiert hat – dann sollten sie mal mit ein paar Milchbauern reden und die fragen, was sie vom freien Milch-Wettbewerb auf dem EU-Markt halten.

Eine Spar, die sich gegen TTIP stark macht, kann ich in dem Kontext nur begrüßen. Denn es ist in dem TTIP-Spannungsfeld eben nicht nur zu beachten, was in TTIP drinsteht, sondern was durch TTIP passiert. Passieren wird: Diskonter werden das billige Zeug ratzfatz gelistet haben und derart mächtig Druck auf die Vollsortimenter ausüben. Die werden den Schrott gleichfalls listen (müssen). Die Preisvorstellung vom Wert des Lebensmittels wird im Konsumentenschädel ganz tief nach unten gedrückt – und heimische Produzenten, die Lebensmittel prinzipiell als werthaltig begreifen, können sich den Wert ganz schnell abschminken.

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