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GS1 hebt die Daten aufs nächste Level © GS1 Austria/Peter Svec

Manfred PillerBereichsleiter GS1 Standards bei GS1 Austria.

© GS1 Austria/Peter Svec

Manfred PillerBereichsleiter GS1 Standards bei GS1 Austria.

11.12.2015

GS1 hebt die Daten aufs nächste Level

Der Artikel-Datenfluss zwischen Handel und Industrie läuft mit GS1 Sync wie geschmiert – wichtig ist jetzt die Datenaktualisierung.

••• Von Christian Novacek

Der Datenaustausch zwischen Handel und Industrie tritt in einen neue Phase. Welche Rolle GS1 Austria dabei übernimmt, erläutert Manfred Piller, Bereichsleiter GS1 Standards, im medianet-Interview.

medianet: Herr Piller, zum Einstieg für den nicht ganz branchenaffinen Leser: Was macht GS1?

Manfred Piller: GS1 identifiziert Artikel, Standorte, Dienstleistungen usw. Mit GS1 Sync bewerkstelligen wir den Austausch von Produktinformationen auf elektronischer Basis. Handel und Industrie tauschen bilateral Artikelstammblätter, oft händisch ausgefüllt, aus – jetzt läuft das immer mehr elektronisch über uns.

medianet: Zuvor haben Rewe oder Spar von ihren Lieferanten Tausende Artikelpässe in Papierform bekommen?
Piller: Ja, das ist praktisch noch immer so. Darüber ist niemand glücklich, weil es für einen immensen manuellen Aufwand steht. Darum sollen die Artikelpässe 2016 auch endgültig abgeschafft werden.
medianet: Welche Informationen stehen in so einem Artikelpass?
Piller: Der Preis des Artikels, Abmessungen, Gewicht, EAN-Nummer – solche Informationen.

medianet: Diese Informationen mutierten dann vor zwei Jahren von der praktischen Handhabung zur Pflicht durch die europäische LMIV?
Piller: Durch die Lebensmittel­informationsverordnung hat der Gesetzgeber den Handel in die Pflicht genommen. Es wurden mehr Informationen verlangt, um letztlich auch mehr Informationen an den Konsumenten weiterzugeben.

medianet: Welche Informationen?
Piller: Plötzlich war eine Zutatenliste nötig, Nährwerte, Allergenauszeichnung, rechtliche Bezeichnungen und einiges mehr. Somit gibt es eine ganze Liste von Vorgaben, die ein Händler heute braucht, um ein Produkt wirklich vertreiben zu können.

medianet: Ich gehe davon aus, dass das speziell im Onlinehandel eine wichtige Rolle spielt.
Piller: Absolut. Dem entspricht ein verändertes Konsumenten­verhalten: Die Leute wollen über die Produkte, die sie kaufen, einfach mehr wissen. Aber auch der Gesetzgeber und die Konsumentenschützer haben ein Auge darauf.
medianet: Um das richtig einzuordnen: Aufgrund von LMIV haben sich Händler und Lieferanten zusammengesetzt und gesagt, wir brauchen jetzt eine zentrale Stammdatenbank, in der die Industrie die Daten bereitstellt, und der Handel bedient sich dort.
Piller: Ja, aufgrund der Veränderung durch die Verordnung mussten somit 50.000 Artikel nachgepflegt werden und dafür wurde als Dienstleister GS1 Austria auserkoren und das Stammdatenservice GS1 Sync ins Leben gerufen.
medianet: Aber Sie durchleuchten die Waren ja auch nicht elektronisch und da sprudeln dann Daten raus – wie muss ich mir das vorstellen?
Piller: Da leisten zwölf Leute einen Fulltime-Job, indem sie Daten abgleichen. Wir machen eine Qualitätssicherung der Waren – derart, dass wir nachschauen, ob die uns von der Industrie elektronisch zur Verfügung gestellten Daten mit denen übereinstimmen, die auf der Verpackung bzw. dem Etikett stehen. Wir überprüfen das mit dem Produkt oder dem Foto des Produkts auf der einen Seite und dem Blick auf die elektronisch von der Industrie übermittelten Daten auf der anderen Seite.
medianet: Das ist genauso für die Industrie, die Ihnen die Daten liefert, aufwendig.
Piller: Ja, aber der Handel hat von Anfang an gesagt, er braucht nur richtige Daten und dafür braucht es diese Qualitätssicherung, die GS1 Sync durchführt. Jetzt, im Zuge der Datenaktualisierung, sprechen wir von GS1 Sync Refresh.

medianet: Für mich leitet sich jetzt die Mutmaßung ab, wenn der Handel so dringlich Datensicherheit will, dass sich in Sachen Onlinehandel mit Lebensmitteln in naher Zukunft einiges tun wird.
Piller: Nun, über konkrete Projekte von Händlern kann ich Ihnen nichts verraten, aber es wird in dem Bereich heute sehr viel investiert. Ganz sicher ist es aber bereits heute so, dass der Erfolg eines Produkts nicht mehr ausschließlich am Produkt selbst liegt, sondern ebenso an der elektronischen Information, die das Produkt begleitet. Die Produktinformation ist Teil des Erfolgsfaktors geworden. Die junge Generation ist onlineaffin, auch im Lebensmitteleinkauf. Wenn da beim Onlineshoppen die Information nicht passt, ist die Homepage schnell weggeklickt und es wird weiter zum nächsten Onlinehändler geklickt.

medianet: Wie sieht denn bei den aktuell bestehenden Lebensmittelhändlern die Datenqualität im Onlineshop aus?
Piller: Wir haben kürzlich einen Quality-Check gemacht bei 560 Artikeln bei Billa, Metro, Unimarkt und Hausfreund. In etwa waren die Onlineshops alle gleich gut, weil sie natürlich dieselben Daten verwenden.


medianet: Umgekehrt heißt das, Sie hatten alle das idente Problem?
Piller: Wenn der Hersteller das Produkt geändert hat und es uns nicht mitgeteilt hat, also sein Update nicht macht, dann haben infolge alle Onlinehändler das gleiche Problem, nämlich falsche Daten.

medianet: Was unternehmen Sie somit, um der Industrie klarzumachen, dass es mit einem einmaligen Einstellen der Daten nicht getan ist, dass also die Wichtigkeit der Datenwartung den gleichen Stellenwert hat?
Piller: Wir starten eine Aufklärungskampagne und wir denken über ein Programm nach, das eine Art Belohnungssystem einführt für jene Lieferanten, die sich bei ihrer Datenqualität besonders engagieren und beispielsweise zwischendurch Prüfungen zulassen.

medianet: Klingt ein bisschen nach Gütesiegel.
Piller: Ja, die Idee eines Gütesiegels ist mit dem, was wir vorhaben, vergleichbar.
medianet: Können Sie mir ein Beispiel nennen, das die Wichtigkeit der Datenwartung außer Frage stellt?
Piller: Drastisch betrachtet, ist die korrekte Allergenauszeichnung extrem wichtig. Eine fehlende Allergenauszeichnung führt heute durchaus zu Produktrückrufaktionen. Das wäre vor Jahren nicht denkbar gewesen.

medianet: Wo besteht denn aufgrund der veränderten Gesetzeslage der größte Handlungsbedarf in Sachen Daten einpflegen?
Piller: Bei der Nährwertkennzeichnung gilt es noch einiges nachzujustieren. Ich schätze die Zahl der Produkte, die heute keine Nährwertkennzeichnung haben, auf dreißig bis vierzig Prozent.

medianet: Was wir bis jetzt außen vor gelassen haben, ist die reine Quantität der Daten, um die es geht.
Piller: Wir haben in GS1 Sync derzeit 135.000 Artikel, davon sind 74.000 Basisartikel. Die Differenz erklärt sich damit, dass wir nicht nur den Einzelartikel in der Datenbank führen, sondern auch den Karton oder die Palette.

medianet: Das klingt mehr als beachtlich. Wie schaut das im internationalen Vergleich aus?
Piller: Wir haben eine riesige Abdeckung, um die wir international beneidet werden, speziell wegen der hohen Datenqualität. In vielen Ländern gibt es keine Qualitätsprüfung, da werden die Daten einfach 1:1 ins System übernommen.

medianet: Was wäre die Folge, wenn die Daten schlechter wären?
Piller: Dann würde beispielsweise ein Produkt auf Basis einer falschen Information verkauft werden, und der Käufer könnte sich beim Händler beschweren, etwa wenn er aufgrund eines nicht ausgezeichneten Allergens Gesundheitsschäden erleidet.

medianet: Und in Österreich sind die Daten sicher?
Piller: In Österreich haben wir eine sehr hohe Datenqualität erreicht und sind dabei, das noch weiter auszubauen bzw. diese hohe ­Datenqualität zu halten.

medianet: Bis jetzt haben wir viel vom Aufwand der Datenerhebung und -pflege gesprochen; dabei geht es bei GS1 nicht zuletzt um eine Kostenersparnis.
Piller: Die ist elementar. Früher hat beispielsweise eine Kelly GmbH ihre Daten in der gewünschten Form an die Rewe übermittelt. In der etwas anderen gewünschten Form an Spar, in wieder leicht modifizierter Form an den MPreis und so weiter. Heute ist das vereinheitlicht, sprich: standardisiert. Das heißt, die Hersteller sparen sich sämtliche dieser bilateralen Abstimmungen. Das alles wird zentral eingekippt in GS1 Sync, dort aufbereitet und die Händler holen sich das dort ab. Das ist eine riesige Kosten-ersparnis und ein enormer Effizienzgewinn, weil schlichtweg sämtliche bilateralen Abstimmungen wegfallen.

medianet: Da braucht’s bald gar keine Listungsgespräche mehr, alles geht automatisch?

Piller: Nein, nein, das persönliche Gespräch ist immer wichtig. Aber wiederkehrende Routineangelegenheiten, diese Dinge sollten automatisiert werden.

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