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Handelstrends holen Konsumethik an Bord © Koelnmesse
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christian novacek 05.05.2015

Handelstrends holen Konsumethik an Bord

Leitmesse Die Mythen der nahen Zukunft finden in 2015 ein Stelldichein auf der Anuga, der weltgrößten Messe für Nahrungsmittel und Ernährungstrends. Diesmal lauten sie auf vegan, vegetarisch, fair – und möglichst convenient.

Wien/Köln. Die nächste Anuga im Herbst in Köln (10. bis 14. 10.) wird anders. Der pessismistische wirtschaftliche Grundton der vergangenen Jahre weicht einer grundlegenden Zuversicht. Die Konjunktur zieht an – laut dem Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel beläuft sich das aktuelle Weltwirtschaftswachstum auf 3,7 Prozent; in 2016 soll sich der Anstieg auf vier Prozent steigern. Auch in der EU ist die Situation erhellend, nämlich mit 1,3 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in 2014 sowie rundweg positiven Prognosen, etwa das Konsumverhalten betreffend (wenn auch bevorzugt für Deutschland). Diese feinen Rahmenbedingungen dürften sich nun durchaus effektiv auf die aktuellen Handels- und Ernährungstrends niederschlagen.

Demnach – bzw. laut Einschätzung von Franz-Martin Rausch, GF des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) – sollen die Verbraucher im stärkeren Umfang als bisher das zur Verfügung stehende Geld für Qualitätsprodukte ausgeben. Nachhaltige Produkte haben es somit gut: Laut Studie der Otto Group ist Konsumethik (endlich) in der gesellschaftlichen und ökonomischen Lebensrealität angekommen. Jeder zweite deutsche Verbraucher soll bereits häufig Lebensmittel kaufen, die biologisch hergestellt, regional produziert oder fair gehandelt werden; vor sechs Jahren tat das bloß ein Viertel der Befragten.

USA ist größter Bio-Markt

Die bedeutendste Gruppe bei den ethisch korrekt hergestellten Produkten sind Bio-Lebensmittel. Deren weltweit größter Markt sind die USA – diese standen in 2013 für 24,3 Mrd. € Umsatz mit Bio-Lebensmitteln; in der EU waren es 22,2 Mrd. €. Bei fair gehandelten Produkten beträgt das weltweite Umsatzvolumen rd. 5,5 Mrd. € – allein zwei Mrd. davon entfallen auf Großbritannien, gefolgt von Deutschland, Schweiz, USA und Schweden.
Der Trend zu den qualitativ besseren Lebensmitteln wird durch ein verändertes Gesundheitsbewusstsein gestützt: Der „Global Health & Wellness Survey” des Marktforschers Nielsen hält fest, dass sich mittlerweile jeder zweite (der weltweit befragten) Verbraucher für übergewichtig hält. Von jenen, die abnehmen möchten, wollen 75 Prozent ihre Ernährung umstellen. In folgender konkreter Ausprägung: 65 Prozent wollen weniger Fett zu sich nehmen, 62 Prozent weniger Zucker, und 57 Prozent wollen mehr frische und unverarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen.

Ignoranten verlieren

Inwieweit Handel und Lebensmittelindustrie diese Trends antizipieren, wird interessant. Ignorieren lassen sie sich nicht. Zumal: Wachstum wird in Zukunft nicht dadurch erzielt, dass die Menge der verkauften Lebensmittel steigt. Jene Tage, als der „share of stomach” auf größtmögliche Elastizität der Magenwand abzielte, sind angezählt, de facto abgehakt.
Der Trend hin zu mehr Lebensmittelqualität inkludiert gleichsam Eigen- bzw. Handelsmarken. Deren Marktanteil hat sich in Deutschland von 2010 bis 2013 auf satte 44 Prozent erhöht (lt. Private Label Manufacturer Association) – ein Zuwachs, der vorgeblich darauf fußt, dass deren Qualität besser geworden ist: In einer Umfrage im Auftrag der deutschen Lebensmittelzeitung aus dem Jahr 2014 meinen neun von zehn Konsumenten, dass die Handelsmarken in Qualität und Aufmachung mittlerweile das Niveau von Markenprodukten erreicht hätten.
Neben den Qualitäts-Trends spielt für GF Rausch vom BVLH sehr bald – entgegen aller Unken-Rufe – das Online-Lebensmittelgeschäft eine tragende Rolle. Rausch verweist auf Berater A.T. Kearney, der wiederum schlichte Fakten sprechen lässt: 2012 haben 82 Prozent der Verbraucher noch nie Lebensmittel im Internet bestellt; 2014 sind es 62 Prozent.

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