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Milch fett in der Krise © APA/AFP/John MacDougall

Wo nehmen denn die Kühe die viele Milch bloß her? Dank Kraftfutter trägt die Superkuh von heute gehörig zum Milchsee bei.

© APA/AFP/John MacDougall

Wo nehmen denn die Kühe die viele Milch bloß her? Dank Kraftfutter trägt die Superkuh von heute gehörig zum Milchsee bei.

christian novacek 03.06.2016

Milch fett in der Krise

Das einst unumstrittene Grundnahrungsmittel Milch gerät im freien Markt zusehends in Turbulenzen wegen Preiskämpfen und Überproduktion.

••• Von Christian Novacek

WIEN. Die Stimmen zur Milch­krise tönen allesamt konstruktiv, sind aber nach wie vor fern einer Lösung. Michael Blass, Chef der AMA-Marketing, verortet die österreichischen Kunden und den Lebensmittelhandel als Verbündete der heimischen Landwirtschaft. In seiner Sicht hätten die Konsumenten ihre Solidarität bereits zum Ausdruck gebracht: „Sie sind bereit, für die Wertaufladung eines Produkts auch einen gerechteren Preis zu bezahlen.” Demgemäß sieht Blass die aktuelle Milchkrise etwas abgeflacht: „Jene Milchbauern, die in den letzten Jahren vermehrt auf österreichische Werte gesetzt haben (Bio, gentechnikfrei, Heumilch; Anm.), haben jetzt eine bessere Ausgangsposition”, betont Blass. Er weist auch darauf hin, dass die (Preis)Situation im deutschen Handel um einiges dramatischer sei als hierzulande.

Das Heil in der biologischen Produktion zu suchen – dieser Schritt wird umerziehungswilligen Bauern mittlerweile leicht gemacht: War früher die Umstellung von konventioneller zu biologischer Milchproduktion auf einen Zeitraum von zwei Jahren bemessen, geht das heute mittels Sonderregelung ratzfatz innerhalb eines halben Jahres. Aber Bio ist nicht unbedingt die rettende Insel im überschäumenden Milchsee – trotz des Lockrufs von Marken wie Ja! Natürlich. Die Rewe-Biomarke serviert dank Top-Qualität den Bauern inklusive Heumilchzuschlag einen Aufpreis von 18,3 Cent netto – womit dieser Zuschlag allein bereits dort angesiedelt ist, wo im konventionellen Bereich die gesamte Abgeltung rangiert. Dennoch, zu Ende gedacht: Wenn alle auf Bio gehen, wird Bio letztlich billig – und damit wäre vor allem jenen Bauern, die vor Jahren kräftig in Bio investierten, ein Ei gelegt.
In Österreich liegt der Bauern-Milchpreis für konventionelle Milch aktuell zwischen 27 und 29 Cent pro Kilogramm und für Bio-Heumilch bei ungefähr 48 Cent. In Deutschland ist der Milchpreis für die Bauern bereits teilweise unter 20 Cent gesunken; vor zwei Jahren lag der Erzeugermilchpreis noch bei 40 Cent. Im österreichischen Supermarkt-Regal kostete ein Liter konventionelle Frischmilch im Jahr 2015 im Schnitt rund 1,03 €. Den aktuellen Hang zur Panik will etwa Berglandmilch-Chef Josef Braunshofer anhand dieser Zahlen nicht verstärken: Er geht davon aus, dass die Preise wieder steigen; der derzeitige Ausschlag nach unten sei zwar extrem, aber eben nicht von Dauer.

Weniger Kühe, mehr Milch

Seit dem Jahr 1990 ist die Anzahl der Milchkühe laut AMA um 40% zurückgegangen, höhere Leistungen pro Kuh ließen die Produktion um mehr als 70% wachsen. Letzter Punkt wird etwa von der IG Milch heftig kritisiert: „Durch die Intensivierung sind die Milch­kühe dauernd krank und die Bauern auf den Import von Futtermitteln angewiesen.” Während die Heile-Welt-Kuh quasi selbstverpflegend auf der Weide frisst, pumpt die Hochleistungskuh so viel Milch in den Milchsee, dass dieser übergeht – und sich in Form von billigen, gestützen Exporten ins Ausland ergießt.

Eine Frage des Images

Neben der brancheninternen Kritik, die entlang des Verarbeitungsprozesses da und dort aufbricht, ramponieren ebenso externe Image­faktoren den guten Ruf des weißen Goldes. Ergo wurde anlässlich des Weltmilchtags diese Woche von der AMA im Rahmen eines Milchforums die Frage gestellt: Ist Milch noch zeitgemäß?

Die Diffamierungen der Milch sind mittlerweile ins Bizarre abgeglitten; unter anderem soll Milch nun schon für Krebsgeschwüre verantwortlich sein. Und in der Steinzeit ernährten sich die Menschen ja auch nicht von Milch. Dem hält Stephan Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin an der Uni Hohenheim entgegen: „Die wurden damals auch nicht so alt.”

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