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Perfektion bitte! © panthermedia.net/Markus Mainka
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09.10.2015

Perfektion bitte!

Der Anteil von Bioware im heimischen LEH steigt. Gleichzeitig wächst auch der Anspruch der Kunden an die Naturprodukte.

••• Von Natalie Oberhollenzer

Alle Jahre wieder im September gehen in der Alpenrepublik die Bio-Aktionstage über die Bühne. Jungs und Mädels drücken Passanten Milch in Pappdosen in die Hand, auf Infostandln wird beraten, es werden landauf, landab Kräuterspaziergänge, Workshops auf Bauernhöfen, Messen und Verkostungen und Bio-Partys abgehalten. Den Konsumenten freuts und den Handel wohl auch, immerhin wird den Kunden das tolle Bio­essen stärker ins Gedächtnis gerufen. Doch wie steht es um die Entwicklung der Bio-Absätze im Lebensmittelhandel aktuell? Und mit welchen neuen Herausforderungen haben Händler und Produzenten zu kämpfen?

Ein Blick auf die drei Größten im heimischen Lebensmittelhandel ergibt folgendes Bild: Bei Merkur und Billa liegt der Bioanteil quer übers gesamte Sortiment bei sieben bis acht Prozent – das gab Rewe-Chef Frank Hensel in einem Interview mit der Presse heuer bekannt. Das Hauptstück vom biologischen Umsatzkuchen heimst die Eigenmarke Ja! Natürlich ein – die nun aber dank der großzügigen Einlistung von Alnatura-Produkten einen starken Mitbewerber bekommen hat. Von der Spar heißt es auf Anfrage, dass solche Sortimentsdetails nicht bekannt gegeben werden. Nur so viel: Die Anzahl der Bio-Eigenmarke Natur Pur-Produkte beträgt bereits über 750.
Ein großes Aushängeschild ist Bio auch bei Hofer. Mit den beiden Prestigelabels Natur Aktiv und Zurück Zum Ursprung ist die Handelsorganisation für Diskont-Verhältnisse fett im Biogeschäft. Das belegt auch eine (nicht mehr ganz aktuelle) Analyse aus dem Jahr 2013, nach welcher der Anteil an Bio im Foodsortiment des Diskonters auf schöne zwölf Prozent geschätzt wird. Genauere Zahlen zur Marktentwicklung sind dank den alljährlichen Erhebungen der AMA aus der Frische bekannt. Demnach greifen die Österreicher am häufigsten bei der Trinkmilch zur Bio-Variante – hier beträgt der Anteil 17,3%. An der zweiten Stelle liegen die Eier mit einer Portion von 17,1% vom gesamten Hennennest. „Hier haben wir in den letzten Jahren eine sehr gute Entwicklung verzeichnet”, lobt AMA-Chef ­Michael Blass.
Schöne Zahlen sind auch beim Fruchtjoghurt (11,3%), Frischgemüse (13,9%) und Kartoffeln (13,9%) zu verzeichnen. Nicht miterhoben wurde allerdings die in Sachen Bio eine große Rolle spielende Warengruppe Brot und Gebäck. Viel Potenzial nach oben ortet Blass bei den recht schwierigen Segmenten Fleisch & Geflügel sowie bei Wurst und Schinken: „Hier werden die Anteile besonders langfristig weiter steigen”, so der Experte, der noch ein Detail am Rande verrät: Nicht alles, was in Österreich an Bio­ware produziert wird, kann auch am Markt untergebracht werden. Daher passiere es mitunter, dass etwa Biomilch als konventionelle im Handel verkauft wird.

Geile neue Biotechnik

Was den Stand der Dinge bei den Biobetrieben angeht, ist die Zahl der Höfe im Land insgesamt leicht zurückgegangen und steht bei über 20.000. Da die Zahl der konventionellen Höfe aber noch schneller zurückgegangen ist, ist der Bio-Anteil am gesamten Agrarsektor höher geworden. Außerdem hat die Biolandwirtschaft flächenmäßig zugelegt, sprich: Die Biobetriebe werden weniger, dafür aber größer.

Ein Landwirt, der schon seit zwölf Jahren einen Biohof führt, ist Daniel Primisser aus Prad am Stilfserjoch im Südtiroler Vinschgau. Der bärtige Mittdreißiger ist aktuell auf Hähnchen spezialisiert, wovon er rund 10.000 Stück im Jahr verkauft. Jetzt gedenken er und seine Frau einen neuen biologischen Zweig zu erschließen. „Das Hähnchengeschäft ist nicht so nachhaltig, wie wir es uns wünschen”, erklärt er. Er müsse 40 Tonnen Futter im Jahr zukaufen, davon auch einiges aus Rumänien. Dann das Geschlachte, was auf Dauer auch nicht so witzig ist. Seine Frau, eine Vegetarierin, ist vom Geflügelbusiness ohnehin nicht besonders angetan. Was sich in seinem Tun in den letzten zehn Jahren zum Guten und was eher zum Schlechten gewendet hat, wollen wir von ihm wissen. „Richtig geil ist, dass sich die Technik so verändert hat”, entgegnet er und schwärmt von Unterstückbearbeitungsgeräten und Gemüsehacktechniken, die ihm jede Menge Arbeit ersparen. Auch bei den biologischen Insektenschutzmitteln tue sich einiges.
Weniger Freude hat er mit den gestiegenen optischen Ansprüchen des Biokunden. „Früher ist er mit einem großen Wagen auf den Hof gekommen und hat sich 100 Kilo Erdäpfel eingeladen. Der heutige klassische Biokunde ist Single, lebt in einer kleinen Wohnung und will alle drei Wochen Bio im Geschäft um die Ecke einkaufen”, so Primisser. Seitdem Bio so salonfähig geworden ist, muss es auch gut ausschauen. „Ein Bio-Apfel muss gleich gut aussehen wie ein konventioneller. Deswegen muss ich bei gewissen Waren mittlerweile bis zu 40 Prozent der Ernte rausschmeißen.” Heuer zum Beispiel darf sich der Landwirt dank des Wetters auf eine prächtige Kar­toffelernte freuen; er schätzt, es werden rund 50 Tonnen sein. Dabei erhofft er sich 30 bis 35 Tonnen marktfähige Ware, den Rest müsse er dann an die Schweine verfüttern – entweder weil die Knollen zu klein oder zu unförmig sind, oder sonst etwas nicht passt.
Eine weitere Erscheinung der modernen Biolandwirtschaft: In vielen Läden ist die Biobanane das meistverkaufte Produkt unter den natürlichen Obstsorten. „Es ist ja super, dass es Biobananen gibt”, kommentiert Primisser, „aber als Verbraucher könnte ich mir schon überlegen, wie oft ich sie essen soll.” Regionalität und auch Saisonalität seien eben auch ein wichtiger Bestandteil eines nachhaltig denkenden Konsums.

Der Heiligenschein-Effekt

Dass nicht nur selbstlose Motive zum Kauf von natürlich angebauten Lebensmitteln führen, das fanden einige Wissenschaftler unabhängig voneinander heraus, etwa am Center for Economics and Neuroscience an der Universität Bonn. Mithilfe eines Kernspin­tomografen fanden die Forscher heraus, dass ein bestimmter Teil des Belohnungssystems im Gehirn der Testpersonen allein beim Anblick biologischen Essens viel stärker aktiviert wird, als bei der Betrachtung einer „normalen” Speise. Im selben Test fragten die Wissenschaftler ihre Probanden, wie viel sie bereit wären, mehr zu bezahlen: Das Ergebnis waren satte 40%. Ein Experiment in einer Forschungsstätte in Toronto ergab indes, dass Studenten, die Biolebensmittel eingekauft hatten, sich bei anschließenden Fairnessspielen unmoralischer verhielten als andere. Begründet sehen Psychologen das im sogenannten Lizensierungseffekt. Demnach fühlen wir Menschen uns überlegen, wenn wir etwas Gutes tun – und verhalten uns im Anschluss mitunter deshalb weniger sozial, weil wir glauben, über ein gewisses moralisches Guthaben zu verfügen.

Gleichwohl halten viele Verbraucher Biolebensmittel nicht nur für nachhaltiger, sondern automatisch auch für gesünder, wie ein Experiment aus den Vereinigten Staaten gezeigt hat. Darin hielten die Probanden biologische Kekse und Chips für weniger fett- bzw. zuckerhaltig und fanden es bei der Biovariante im Gegenteil zur nicht biologischen nicht schlimm, ein paar Cookies mehr zu essen. Auch für dieses Phänomen hat die Wissenschaft einen passenden Namen: Der sogenannte Halo-Effekt (halo: englisch für Heiligenschein) ist ein Phänomen aus der Markenpsychologie, wonach die Konsumenten Produkte mit einem guten Image gleich in allen möglichen Belangen für überlegen halten. Letztendlich mag es viele Gründe haben, warum Menschen Biolebensmittel kaufen. Doch viel wichtiger als das Warum ist der Punkt, dass sie es tun. Das sieht auch Primisser so, der hofft, dass in 20 Jahren nur mehr bio gekauft wird. Denn das, so der Landwirt, sei die einzige Chance für Natur und Umwelt.

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