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Spar macht nun den Zuckerberg klein © Spar
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christian novacek 10.02.2017

Spar macht nun den Zuckerberg klein

Gerhard Drexel sagt der industriellen Überfütterung den Kampf an und reduziert den Zuckergehalt bei Spar-Marken.

••• Von Christian Novacek

Unsere Vorfahren haben Zucker gar nicht gekannt”, sagt Markus Metka, der neben seiner Funktion als Oberarzt der Abteilung für Endokrinologie an der Wiener Uni auch als Präsident der Anti-Aging-Gesellschaft fungiert. Er hält fest: „Wir konsumieren Zucker erst seit einem Hundertstel unserer Evolutionsgeschichte.” Was nicht lange her ist, hat aber mächtige Auswirkungen.

Industrialisiert, von der Zuckerrübe oder neuerdings vermehrt als Fructose daherkommend, ist Zucker eine Gravität im heimischen Ernährungsgeschehen: Rund 100 g nehmen die Österreicher täglich zu sich, in den USA sind es gar 120 g – beides ganz stabil jenseits der Empfehlung der WHO. Diese lautete 2005 auf 50 g täglich, seit 2015 werden uns gar nur 25 g (entspricht sechs Stück Würfelzucker) als tägliche Portion vergönnt. „Inwieweit die Zuckerlobby mitgewirkt hat, damit die Empfehlung erst 2015 angepasst wurde, können Sie sich selbst ausrechnen”, meint Metka.
Sei’s drum: Heute sind die ernährungsphysiologischen Erkenntnisse dergestalt, dass Zucker als Genussmittel hui ist, aber als Ernährungsgrundlage wohl eher pfui.

Nahrung ist Medizin

Die Schnittstelle zur „Droge” Zucker bildet der Handel. Und der will sich vor seiner Verantwortung in diesem Belang nicht drücken: „Wir möchten unseren Kunden die Möglichkeit geben, sich gesund zu ernähren”, postuliert das Spar-Präsident Gerhard Drexel. Er beruft sich auf Hippokrates und dessen Aufforderung: „Lasst Nahrung unsere Medizin sein!”

Was Spar eher süßsauer aufstößt, ist der Umstand, dass zuckerreduzierte oder -freie Nahrungsmittel seitens Indus­trie bzw. Markenartiklern nicht unbedingt forciert werden. Ergo preschten die Spar-Eigenmarken in jene Lücke vor, die die Industrie bietet. „Wir werden in allen unseren Eigenmarken den Zuckergehalt reduzieren”, sagt Drexel. Und das wird „sukzessive, in kleinen Dosen, geschehen”, damit sich der zuckerverwöhnte Österreicher an gesunde, weniger süße Geschmacksstandards gewöhnen kann.
Inkludiert sind beispielsweise Limonaden: Spars Cola verliert zehn Prozent an Zuckergehalt, was jährlich rd. 20 Mio. Stück Würfelzucker sparen wird. Gleichfalls kommt die Reduktion bei den Bio-Joghurts – im ersten Schritt von 14 bis 16 g auf 12 g – die Umstellung bezeichnet der Spar-Präsident als „Knochenarbeit”. Und, betreffend ­Joghurts: „In zwei Jahren werden wir halt wieder um zwei Gramm runtergehen. Irgendwann wird der Konsument dann sagen: Das picksüße Zeug kann ich nicht mehr essen!”

Wissenschaftlich beraten

Der Händler agiert mit seinem Zucker-Einsparungsprogramm übrigens fern der Willkür: Bereits seit dem Jahr 2005 ist ein wissenschaftlicher Beirat aktiv, der in Sachen Eigenmarken prüft und freigibt. Das muss nicht immer mit der ursprünglichen Intention des Produkts einhergehen. Zum Beispiel waren unter dem Titel „Spar vital” Smoothies geplant – aufgrund des hohen Fructose-Gehalts hat aber dieser Beirat untersagt, Spar Smoothies unter Spar vital ins Regal zu stellen. Nichtsdestotrotz bringt die gesunde Palette der Spar-Marken einige Regalmeter zusammen: Spar vital und Spar veggie schaffen es zusammen auf rd. 350 Produkte mit hohem Gesundheitsstatus.

Was die Verabschiedung des allzu süßen Geschmacks betrifft, sagt der Händler dem Zucker auf mehreren Ebenen Goodbye: durch Weglassung, etwa bei den Spar vital Cornflakes; durch Reduktion, z.B. Limonaden oder Engery Drinks. Oder, auf dem ­innovativem Pfad: durch Substitution; besonders erwähnenswert in dem Kontext ist das neue Spar Stevia-Ketchup.
Inwieweit es am Ende des Tages der Zuckerlobby nun gelingt, dem Konsumenten mehr Zucker reinzustopfen als der Händler gutheißt – in diesem Szenario fühlt sich Drexel gut aufgestellt: „Wir sind ein privater Händler und kein Anhängsel eines internationalen Konzerns. Wir müssen also nicht kuschen und können tun, was wir für richtig halten.”

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