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Thalia zollt der Digitalisierung Tribut © dpa/Bernd Thissen
© dpa/Bernd Thissen

Nataša nikolić 02.12.2016

Thalia zollt der Digitalisierung Tribut

Neuer Mehrheitseigentümer Manuel Herder setzt ­komplett auf Digitalisierung und Multi-Channel.

••• Von Nataša Nikolic

Es gibt nichts, was wir bei uns noch digitalisieren könnten”, sagt Verleger und Neo-Mehrheitseigentümer von Thalia, Manuel Herder – und zollt damit einer Entwicklung Tribut, deren allererstes Opfer, ihm zufolge, die Buchbranche war. Der Buchhandel zahlt nun quasi die Rechnung für die verschlafene Digitalisierung (mit Zinsen) und passt sich notgedrungen an, um mit der Konkurrenz aus dem Netz mithalten zu können. Denn seit Amazon kann die Branche fast nur noch Nachzügler sein. Dem eBook-Reader des Onlineriesen Kindle hält Thalia den Tolino entgegen und versucht die zügigen Lieferzeiten mit noch schnelleren zu toppen. Wie sehr die vermeintliche Digitalisierung überhand genommen hat, zeigt auch der in Thalia.at geänderte Name, der von allen Logos groß entgegenstrahlt. Das Unternehmen hat sich Schritt für Schritt zum Omni-Channel-Player entwickelt. Diesem Umstand hat es zu verdanken, dass es sich „besser als der Markt” entwickelt hat, wie Geschäftsführer Josef Pretzl erklärt.

Der österreichische Buchmarkt ging von Jänner bis Oktober stationär um 4 Prozent zurück, während er online um knapp 7 Prozent zunahm. „Thalia bleibt auf allen Kanälen auf Wachstumskurs”, so Herder. „Das Unternehmen hat Ende September das Geschäftsjahr mit drei Prozent vergleichbarem Umsatzwachstum über alle Kanäle in Deutschland und Österreich abgeschlossen. Das stationäre Geschäft verzeichnet länderübergreifend ein Plus von einem Prozent auf vergleichbarer Fläche, der Bereich eCommerce verzeichnete ein Umsatzplus von 11 Prozent. Der Umsatz mit eBooks konnte bei Thalia im abgeschlossenen Geschäftsjahr um rund 15% gesteigert werden. ­Generell kann von einem sehr guten Jahr für Thalia gesprochen werden”, erzählt Herder. Angesprochen auf die Expansionspläne des Buchhändlers, antwortet er: „Thalia setzt auch in Österreich auf Expansion mit Augenmaß.” Soll heißen: Sollten Standorte an besonders lukrativen Orten frei werden, streckt Thalia gerne die Fühler aus. Und „dabei kann neben Neueröffnungen auch der Erwerb von bzw. die Beteiligung an Standorten in neuen Regionen eine Option sein”. Von den 280 Thalia-Filialen sind 35 in Österreich, die rund 850 Mitarbeiter beschäftigen.

Die Banken waren’s

Darüber, für welchen Preis Thalia an das deutsche Verlagshaus Herder ging, schweigt der neue Eigentümer. Stattdessen spricht er lieber über die Pläne für den Buchhändler und stellt das neue (alte) Eigentümer-Team vor. „Die gemeinsame Vision der neuen ­Eigentümer ist es, das Unternehmen in Deutschland und Österreich zum Synonym für Lesekultur im digitalen Zeitalter zu machen.” Für die Erreichung dieses Ziels hätte Thalia ein kompetentes Team, so Herder. „Wir glauben, dass wir mit der neuen Eigentümerstruktur hierfür eine optimale Ausgangslage haben. Michael Busch, der als geschäftsführender Gesellschafter das Unternehmen leitet, bringt zusammen mit seinen Management-Teams in Deutschland und Österreich die langjährige Erfahrung im Buchhandel ein.” Herder hebt außerdem „das Engagement” der Händlerfamilie Kreke hervor. Die Gründer der Parfümerie Douglas, zu der bis 2013 Thalia gehört hat, sind nun wieder am Unternehmen beteiligt, diesmal allerdings als Minderheitsaktionäre. „Leif Göritz ist der vierte in der Runde. Seine Expertise als Digitalunternehmer wird uns helfen, in diesem wichtigen Entwicklungsfeld auch künftig weitere Wachstumsimpulse zu setzen”, beendet Herder die ­Vorstellungsrunde.

Wachstumsimpulse soll vor allem die Omni-Channel-Strategie bringen. Erfolgreich sei Thalia schon im Cross-Channel-Service: Die Filialabholung oder Reservierung von Büchern, die online gefunden werden, kommt bei den Kunden gut an, bemerkt der Geschäftsführer. „Innerhalb einer Stunde erhält der Kunde die Antwort, wann er sein Buch abholen kann”, erklärt Pretzl. „Generell besteht bei den kanalübergreifenden Services eine große Nachfrage bei den Kunden.” Und wenn ein Kunde über Thalia.at ein Buch bestellt, und dieses in Österreich lagernd ist, wird es am nächsten Tag geliefert, sofern die Bestellung vor 12 Uhr erfolgt ist. Pretzl betont,dass dabei die Wertschöpfung in ­Österreich betrieben wird. „Fast ein Viertel unserer Kunden, die online bestellen, holen die ­Bücher in den Filialen ab und lassen sie sich nicht zuschicken”, weiß Pretzl.
Am eBook-Markt hätte man sich schon erfolgreich etabliert. Der Tolino hält bereits 20% des Marktes. „Das ist das herausragendste Ereignis, es ist im deutschsprachigen Raum gelungen und außer uns auch niemand anderem auf der Welt”, sagt Pretzl stolz. Da sich Bücher allein aber nicht so gut verkaufen, gibt es Sortimentserweiterungen, die von Geschenkartikeln bis hin zu Spielwaren gehen. Seit Kurzem gibt es bei Thalia Deutschland sogar einen Reiseshop.

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