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„Wie ein Schlag ins Gesicht” © APA/Helmut Fohringer
© APA/Helmut Fohringer

04.12.2015

„Wie ein Schlag ins Gesicht”

Snjezana Brajinovic, Zielpunkt-Betriebsratschefin, erzählt im medianet-Interview warum Pfeiffer kein guter Arbeitgeber war.

••• Von Nataša Nikolic

WIEN. „Wir haben in den letzten Jahren viele Eigentümer gehabt, aber die waren den Mitarbeitern gegenüber nicht so abwertend wie Pfeiffer”, kritisiert Zielpunkt Betriebsratschefin Snjezana Brajinovic im exklusiven Interview mit medianet unmittelbar vor der Betriebsversammlung am Dienstag. „Wir haben früher auch schon Kündigungen gehabt, aber da ist es fairer abgelaufen”, so Brajinovic, die das Interview immer wieder kurz unterbrechen muss, da sie von besorgten Kollegen angesprochen wird.

Auf die Frage, ob sie die Vorwürfe konkretisieren und ein Beispiel nennen kann, sagt die Betriebrats­chefin: „Pfeiffer hat mit Tricks gearbeitet und uns Dinge versprochen, die sie dann nicht eingehalten haben. Zum Beispiel haben heuer einige Mitarbeiter sogar auf einen Teil ihres Gehalts verzichtet, weil man (Anm. Pfeiffer) gesagt hat, dass wir damit wirtschaftlich ein Zeichen setzen.” Ein anderes Beispiel sei eine langjährige Kollegin, der von Pfeiffer eine Stelle im Unternehmen versprochen wurde, die letztlich aber gar nicht frei gewesen ist. „Das ist für die Mitarbeiter eigentlich nicht zumutbar.” Über den Vorbesitzer Jan Satek sagt Brajinovic, die in ihren 22 Jahren bei Zielpunkt viele Geschäftsführer kommen und gehen sah: „Von der menschlichen Seite her, kann ich sagen, dass er den Mitarbeitern gegenüber fair war. Ihm ist nur – einfach gesagt – das Geld ausgegangen.”

Pfeiffers Chance auf Buße

Apropos Menschlichkeit: die kann Georg Pfeiffer nun bei den Logistik- und Holding-Mitarbeitern aus der Zentrale im 23. Bezirk beweisen, die zwar nicht unter die Insolvenz fallen, aber unmittelbar betroffen sind, da auch sie bald gekündigt werden. Für diese etwa 300 Beschäftigten, die bereits vorsorglich beim AMS zur Kündigung angemeldet wurden, verhandeln Betriebsrat und Gewerkschaft derzeit einen Sozialplan aus. Die Betriebsratsvorsitzende ist zuversichtlich, dass dieser auch zustande kommen wird: „Georg Pfeiffer hat ja gesagt, er würde gern helfen; den Zielpunkt-Mitarbeitern kann er nicht mehr helfen, die Logistik- und Holding-Mitarbeiter sind aber immer noch bei ihm beschäftigt, und da bin ich mir sicher, dass er sein Versprechen einlöst.”

Um einen guten Deal für die (noch) verbliebenen Mitarbeiter auszuhandeln, gibt es Rückenwind von der Gewerkschaft der Privatangestellten Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp). Für deren Unterstützung ist Brajinovic sehr dankbar: „Sie begleiten uns schon seit einigen Jahren, verstärkt vor allem in den letzten Monaten, seit sich die Gespräche zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung etwas verändert haben.” Von Geschäftsführerseite soll es in jüngster Zeit immer wieder zu Missverständnissen und Verschiebungen gekommen sein, weshalb alle weiteren Gespräche im Beisein der Gewerkschaft stattgefunden hätten. Die GPA ist auch bei den Betriebsversammlungen vor Ort.

Betriebsversammlung

Die bereits erwähnte Betriebsversammlung fand am Dienstagnachmittag in Wien Donaustadt statt. Die Zielpunkt-Belegschaft trifft sich zur zweiten von insgesamt drei Betriebsversammlungen, in denen sie von Vertretern der Gewerkschaft, der Arbeiterkammer, des AMS, des WAFF (Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds) und dem Insolvenzverwalter Georg Freimüller über ihre Rechte aufgeklärt und beraten wird. In erster Linie geht es um die Vollmachtserklärungen, die die AK von jedem Mitarbeiter benötigt, um die Forderungen beim Gericht geltend machen zu können. Die Angestellten sind sichtlich niedergeschlagen, besonders die Älteren unter ihnen – die Angst vor einer langen Arbeitslosigkeit ist groß. Einige Frauen haben ihre Babies dabei, sie trifft die Kündigung während ihrer Karenz. Das Unternehmen, für das manche schon seit Jahrzehnten arbeiten, hat so kurz vor Weihnachten Insolvenz angemeldet und sie alle zu Arbeitslosen gemacht.

Immer wieder schütteln einige ungläubig den Kopf, während sie die Infozettel lesen, die ihnen beim Betreten des Veranstaltungsorts von Vertretern der SLP (Sozialistische LinksPartei) in die Hand gedrückt werden. Darin steht u.a., dass „die Millionärsfamilie Pfeiffer” über ein „Vermögen von ca. 770 Mio. Euro” verfügt und Zielpunkt mit „knapp 3.000 Beschäftigten in die Arbeitslosigkeit” schickt. Das steigert die ohnehin schon vorhandene Wut der Anwesenden. Kurz vor Weihnachten den Job zu verlieren und zumindest vorerst ohne Novembergehalt und Weihnachtsgeld dazustehen, ist eben ein starkes Stück.

Lohn vielleicht vor Weihnachten

„Wir als Betriebsrat haben das nicht erwartet”, sagt Snjezana Brajinovic zu ihren (Noch-)Kolleginnen und Kollegen. Überrascht sei sie vor allem wegen der vielen Äußerungen der Pfeiffer-Geschäftsführung in diversen Medien, in denen stets bekräftigt wurde, dass Zielpunkt auf einem guten Weg sei. Irreführend war auch der Brief an die Belegschaft vom 4. November, „in dem stand, dass es keine Zukunft gibt ohne Zielpunkt und dass kräftig in uns investiert wird”. ­Exakt eine Woche vor Bekanntwerden der Insolvenz gab Pfeiffer-­Geschäftsführer Erich Schönleitner dem WirtschaftsBlatt ein Interview, in dem er u.a. betonte, dass Pfeiffer noch an Zielpunkt glaubt. Für die Belegschaft und die Betriebsräte war dies natürlich wie „ein Schlag ins Gesicht”.

Die sichtlich mitgenommene Betriebsrätin kämpft auf der Bühne mit den Tränen, als sie ihren Kollegen erklärt: „Mir ist wichtig, dass ihr wisst, dass wir – die Mitarbeiter – nicht dafür verantwortlich sind. Wir haben nichts falsch gemacht und die letzten Jahre immer unser Bestes gegeben.” Doch das Problem war, „dass wir nie gewusst haben, für was wir stehen” und „in den nächsten Wochen ist es für uns eigentlich vorbei”.
Eine gute Nachricht hat Brajinovic für die Anwesenden dennoch: Nach einem Treffen der Zielpunkt-Betriebsräte mit Werner Faymann und Rudolf Hundstorfer, die viel Verständnis für die Situation der Zielpunkt-Mitarbeiter haben, ist man sehr zuversichtlich, dass das Weihnachtsgeld noch vor Weihnachten auf die Konten kommt – versprechen könne man das aber nicht. Die Banken würden hier ebenfalls kooperiern und keine Überziehungszinsen verrechnen, sodass die Menschen Geld zur Verfügung haben, das sie abheben können, wie wenn das Gehalt am Konto wäre.
Die Kündigungen der 2.710 Mitarbeiter werden im Jänner ausgesprochen. Solange noch Ware da ist (vermutlich bis Ende Dezember), rät GPA-Regionalsekretär ­Mario Ferrari den Filialmitarbeitern, unbedingt arbeiten zu gehen und Arbeitswillen und -bereitschaft zu zeigen. „Die Insolvenz beendet ihr Dienstverhältnis nicht – es ist weiter aufrecht. Wenn sie einfach daheimbleiben, ist das Arbeitsverweigerung und ein Entlassungsgrund”, sagt auch Claudia Grabner vom Insolvenzschutzverband der Arbeiterkammer Wien. Grabner klärte die Mitarbeiter im Anschluss über die Insolvenzdaten des Unternehmens und Anmeldefristen auf: Bis 25. Februar muss der Masseverwalter Georg Freimüller die Forderungen geprüft haben; mit der Wahl des Masseverwalters sei die Gewerkschaft sehr zufrieden, sagt Ferrari, denn sie habe mit ihm bereits gute Erfahrungen aus früheren Insolvenzfällen gemacht.

„Die hatten keine Strategie”

Doch was waren aus Sicht der Mitarbeiter tatsächlich die Gründe für das Versagen? Einer, der vielfach genannt wurde, ist die fehlende bzw. ständig wechselnde Strategie der Kette. Das Konzept-Wirrwarr war nicht nur für Kunden, sondern auch für die Belegschaft verwirrend. „Die haben einfach keine Strategie gehabt. Das waren eindeutig Management Fehler.” Diese hätte vor allem Erich Schönleitner zu verantworten, der bei Zielpunkt „die letzten drei Jahre das Sagen hatte” und somit „großteils alle Entscheidungen gefällt hat”. Dass Pfeiffer keine – oder zumindest keine gute – Strategie hatte, findet auch die Feinkost-Mitarbeiterin einer Favoritner Zielpunkt-Filiale; sie berichtet gegenüber medianet, dass sie und ihre Kollegen allein in diesem Jahr zwei Mal die Arbeitskleidung gewechselt hätten – in eine andere Farbe. Außerdem wurden im Zuge der Modernisierungsarbeiten funktionstüchtige Geräte, wie Feinkostwaagen, ausgetauscht, obwohl eigentlich kein Bedarf danach bestand, sie kritisiert diese Vorgehensweise und nennt sie „absurde unnötige Verschwendung”. Die Mitarbeiterin fragt sich, warum nicht einfach jene Filialen, die nicht gut liefen, geschlossen wurden, während die profitablen weiterhin bestehen blieben. Ein Indiz, das sie im Nachhinein auch stutzig macht, sei, dass in den letzten Monaten, zumindest in der Feinkost, nahezu die doppelte Menge der bestellten Produkte vom Lager geliefert wurde, und das, was zu viel war, wurde sofort mit einem Aktionspickerl versehen und kam in den Ausverkauf, der Rest blieb in der Feinkosttheke.

Fazit: viele Verlierer

Die Causa Zielpunkt geht für keinen der Beteiligen gut aus: Die Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz und damit ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage, und Georg Pfeiffer muss sich vom Traum eines nationalen Anbieters verabschieden und mit dem Unmut der Öffentlichkeit erst einmal klarkommen. Ob er den öffentlichen Druck mindern und sein Image gerade­rücken kann, hängt sehr stark ­davon ab, wie er sich gegenüber den verbliebenen Mitarbeitern der Zentrale verhält. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre jedenfalls, auf die Sozialplan-Forderungen des Betriebsrats und der Gewerkschaft einzusteigen und damit zu beweisen, dass ihm die Mitarbeiter nicht unwichtig sind. Die Vorwürfe der Gewerkschaft, Pfeiffer habe den Sozialplan verschleppt, müssten dann – zumindest, was diese Mitarbeiter angeht – nicht wieder erhoben werden.

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Ihr Kommentar zum Thema (1)

  • Helmut Forstner – Freitag, 04. Dez 2015, 09:16
    Das ist einfach nur peinlich. Jetzt geben die Betriebsräte vor zu wissen, wie man den Betrieb führt. Warum investieren sie nicht selbst in ein Unternehmen? Da kann man dann beweisen, ob man es besser kann. Typisch ist auch die Vorgangsweise aufzuzeigen, welche persönlichen Besitzverhältnisse der Eigentümer hat und damit den Neid und die Wut zu schüren. Man hat vergessen, dass der Besitzer Unsummen investiert hat, um den damals vor der Pleite stehenden Betrieb zu retten. Da wären die Mitarbeiter halt schon ein paar Jahre früher arbeitslos geworden. Mit hohem Risiko hat man es wenigstens versucht und als Lohn wird man jetzt als unmenschlicher, gieriger Ausbeuter dargestellt - einfach nur dumm und peinlich.