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„Wir setzen auf Optimierung, nicht Maximierung” © Lupi Spuma
© Lupi Spuma

29.01.2016

„Wir setzen auf Optimierung, nicht Maximierung”

Über die Unternehmensphilosophie und die Pläne von Wiesbauer sprach Geschäftsführer Thomas Schmiedbauer mit medianet.

••• Von Daniela Prugger

WIEN. Im Handel geht der Trend hin zu mehr Eigenmarken – ein Umstand, der auch auf den österreichischen Wursterzeuger Wiesbauer Druck ausübt. Doch während die Wurst- und Fleisch-Branche rückläufig ist, konnte Wiesbauer umsatzmäßig zulegen. Über den WHO-Bericht, das Thema Nachhaltigkeit, Konsumgewohnheiten und vieles mehr sprach Thomas Schmiedbauer, der Geschäftsführer Wiesbauer, mit medianet.

medianet: Herr Schmiedbauer, wie hält es Wiesbauer denn mit der Nachhaltigkeit?
Thomas Schmiedbauer: Man muss sich immer fragen, was Nachhaltigkeit bedeutet. Häufig wird Nachhaltigkeit so verwendet, dass der Begriff eigentlich inhaltsleer ist.

medianet: Aber es gibt ja schon einige Kriterien für Nachhaltigkeit. Schmiedbauer: Ja natürlich, dennoch muss man da immer kritisch und auch kreativ bleiben. Bei Wiesbauer leben und praktizieren wir Nachhaltigkeit so, dass wir weiterdenken und überlegen, wie wir als Unternehmen aus den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen das Optimum herausholen können – das trifft zum Beispiel auf unser vernetztes Energiemanagement zu.

Nachhaltigkeit heißt für uns aber auch, dass wir schon bei den Lehrlingen anfangen und ein Programm anbieten, welches über die normale Lehrlingsausbildung hinausgeht. Damit leisten wir deutlich mehr, als wir müssten, aber wir haben damit nachhaltig gut ausgebildete Mitarbeiter.


medianet: Und Nachhaltigkeit hinsichtlich Ihrer Fleischerzeugnisse?
Schmiedbauer: Wir bekennen uns dazu, ein typisch österreichischer Fleisch- und Wurstproduzent zu sein, ein klassisches Familienunternehmen. Wir verwenden fast ausschließlich österreichische Rohstoffe und erhalten und schaffen somit nachhaltig Arbeitsplätze in Österreich. Das halte ich für nachhaltiger, als etwa Tropenwälder niederzubrennen und die dort lebende Bevölkerung zu vertreiben, nur um beispielsweise Soja in Monokultur anzubauen und dieses Soja dann Tausende Kilometer entfernt etwa als Rohstoff für vegane Produkte zu verwenden.

Die ehemaligen Tropenwälder sind nach ein paar Jahren Monokultur nahezu tot. Unsere bäuerliche Kulturlandschaft lebt seit Jahrhunderten, und die typisch österreichische Almwirtschaft mit Rindern und Schafen ist ein Schlüssel zur Erhaltung der dortigen Biodiversität.


medianet: Experten gehen aber davon aus, dass das Ausmaß, in welchem Fleisch momentan weltweit produziert wird, auf Dauer nicht zu halten ist – schon allein wegen des Boden- und Ressourcenverbrauchs.
Schmiedbauer: Auf Mitteleuropa bezogen, ist das große Problem weniger der Bodenverbrauch durch die Tierhaltung, sondern die Bodenversiegelung. Wir betonieren zu viel. Was den Fleischverzehr angeht, so sind wir der Meinung, dass Fleisch seinen Preis haben muss.

Es ist doch widersinnig, wenn die Bauern primär von Förderungen leben, die Schlachthöfe mitunter ebenfalls und unabhängige Produzenten oft kaum überleben können. Wir haben keine Freude damit, wenn im Handel Fleisch unter seinem Wert oder gar zu Dumpingpreisen verkauft wird.
Wir sehen Fleisch und Wurst als Genussprodukte. Uns ist es lieber, die Leute essen weniger Fleisch oder Wurst, aber dafür qualitativ hochwertigere Produkte. Den aktuellen Zug zur Masse machen wir nicht mit. Die typischen Wiesbauer-Konsumenten sind Qualitäts- und Genussesser und das ist gut so.

medianet: Bieten Sie denn auch Bio-Produkte an?
Schmiedbauer: Wir wollen begeisterte Kunden, nicht nur zufriedene Kunden – das ist unsere Unternehmenspolitik und deshalb ‚übererfüllen' wir auch alle Ansprüche und Standards. Aber in der Wurstproduktion ist eine Bio-Zertifizierung als Marke nach österreichischem Standard und so, wie wir sie verstehen, in Wahrheit nicht wirklich umsetzbar, da die größeren Handelsketten die wichtigsten Bio-Eigenmarken führen.

 

medianet: Umfragen zeigen, dass der Preis noch immer ein ausschlaggebendes Argument für die Kaufentscheidung ist. Wenn Sie die Gesellschaft als Produzent beobachten – welchen Stellenwert nehmen denn Lebensmittel heute ein?
Schmiedbauer: Unsere Aufgabe ist es, geschmackvolle und hochwertige Genussprodukte anzubieten, und dann ist es die Entscheidung des Konsumenten, die Produkte zu kaufen oder eben nicht. Seit es Wiesbauer gibt, sprechen wir die Genussesser an und der Erfolg gibt uns recht. Wenn also das Essen insgesamt mehr Beachtung findet – man denke nur an die Unzahl an Kochbuch-Bestsellern –, dann freut uns das.

 

medianet: Etwas unter Beschuss geraten ist Ihre Branche aber schon: Die Weltgesundheitsorganisation hat verarbeitetes Fleisch vor einiger Zeit als krebserregend eingestuft.
Schmiedbauer: Die Situation in der Branche ist schwierig, keine Frage und der Fleisch- beziehungsweise Wurstkonsum insgesamt leicht rückläufig. Wenn man sich aber die Studie der WHO genauer anschaut, sieht man, dass hier vorschnell geurteilt, um nicht zu sagen verurteilt wurde. Da haben auch viele Medien unüberlegt und voreilig publiziert. Aber der mündige Konsument lässt sich davon nicht narrisch machen. Ich glaube eher, dass jene Medien und Organisationen, die einen derart realitätsfremden Alarmismus pflegen, Probleme bekommen, denn sie werden zunehmend unglaubwürdig.

 

medianet: Wie beobachten Sie die Entwicklungen in der Branche – vor allem die Schirnhofer-Insolvenz?
Schmiedbauer: Es ist immer traurig wenn ein österreichischer Familienbetrieb insolvent wird – vor allem, weil Schirnhofer über Jahre hinweg ebenfalls die Qualitätsfahne hochgehalten hat.

 

medianet: Wie nehmen Sie die wachsende Konzentration im österreichischen Lebensmittelhandel wahr?
Schmiedbauer: Die Konzentration auf Spar und Rewe wächst natürlich, außerdem entwickeln sich Hofer und Lidl vom klassischen Diskonter in Richtung Vollanbieter. Wir haben aber mit allen Ketten ein gutes Verhältnis. Wir sind im Grunde für alle offen. Ich kenne kein anderes Land, wo es insgesamt im Lebensmittelhandel so schöne Filialen gibt wie in Österreich; hier macht es noch richtig Spaß, einzukaufen.

 

medianet: Wie stehen Sie zu Halal- und vegetarischen Fleischersatzprodukten?
Schmiedbauer: Halal produzieren wir nicht, wir produzieren typisch österreichische, traditionelle Produkte. Und vegetarische? Wie soll ich sagen, Schein-Fleischprodukte sind meines Erachtens ein Unding. Wenn jemand vegan essen will, gut, aber warum nennt man diesen Produkten dann Wurst oder Schnitzel? Wir konzentrieren uns auf jeden Fall aus voller Überzeugung auf unsere Kompetenzen.

 

medianet: Wie sind Sie in der ­Gastronomie vertreten?
Schmiedbauer: Mit unserem Unternehmen Wiesbauer-Gourmet beliefern wir eine Vielzahl von Gastronomiebetrieben und erfreulich viele Spitzenbetriebe im Raum Wien und Umgebung. Wir haben hier im vergangenen Jahr rund 17 Millionen Euro investiert und sind der einzige Anbieter, der vom Kalb über Kobe bis zum Känguru nahezu alles liefern kann und das in bester Qualität.

 

medianet: Wie läuft das Geschäft in Ungarn? Was sind die Unterschiede zu Österreich?
Schmiedbauer: Die Ungarn essen anderes als die Österreicher, und der Paprika spielt dort eine wirklich große Rolle. Trotz der geringen geografischen Entfernung sind das verschiedene Geschmackswelten. Die Produkte sind teils deftiger oder auch schärfer. Im vergangen Jahr konnten wir mit plus 14,4 Prozent in Ungarn einen echten Umsatzsprung machen.

medianet: Welches ist das wichtigste Exportland für Wiesbauer?
Schmiedbauer: Nahezu 50 Prozent der Produktion in Wien gehen ins Ausland, vor allem nach Deutschland. Der deutsche Markt ist ebenfalls sehr konzentriert, aber es ist uns auch hier gelungen, unsere qualitativ hochwertigen Schmankerln zu platzieren.

medianet
: Welche Erwartungen haben Sie an 2016?
Schmiedbauer: Für 2016 hoffen wir, dass die Entwicklungen so weitergehen und versuchen jene Bereiche, in denen wir gut sind, mit Engagement weiterzutreiben. Unser Ziel ist es, aus eigener Kraft zu wachsen.

medianet: Welche Herausforderung sehen Sie für die Zukunft?
Schmiedbauer: Die Zukunft hat uns etwa im Bildungsbereich heute schon im Griff, um nicht zu sagen, im Würgegriff. Das Bildungsniveau, speziell der Pflichtschulabsolventen, ist in den letzten Jahren in einem besorgniserregenden Ausmaß gesunken. Es ist auch unser Auftrag, die Ausbildung zu leben.

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