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„Wir verkaufen keine Mogelpackung” © Fairtrade/Nathalie Bertrams
© Fairtrade/Nathalie Bertrams

Ornella Luna Wächter 29.09.2017

„Wir verkaufen keine Mogelpackung”

Der direkte Handel muss sich neben den Netzwerken von Fairtrade oder EZA noch behaupten – obwohl er eine ähnliche Ethik verfolgt.

••• Von Ornella Luna Wächter

Kaffee ruft wie kein anderes Produkt Leidenschaft hervor. Da kochen im wahrsten Sinne des Wortes die Emotionen hoch.” Mit diesen Worten eröffnete Hartwig Kirner, Geschäftsführer bei Fair­trade Österreich, den „Coffee & Lunch”-Tag im Wiener Volkskundemuseum. Und damit sollte er Recht behalten. Denn neben harmlosen Berichten über aktuelle Trends im fairen Handel wurde auch kräftig über den Handel mit Kaffee diskutiert.

Besonders wenn mehrere Kaffeehändler aufeinandertreffen, kann es schon mal gehörig knirschen in der Mühle. Der Kaffeemarkt mit seinen Teilnehmern hat sich verändert. Zwar werden noch immer bis zu 96% des Kaffees am Weltmarkt konventionell gehandelt, und der Marktanteil von Fairtrade-Kaffee liegt derzeit lediglich bei 4%.
Dennoch wächst der Anteil fair gehandelten Kaffees kontinuierlich; immer mehr Produzenten wollen Teil des riesigen Netzwerks werden. Zugleich kaufen immer mehr Händler ihre Produkte – 2016 wurden 3.660 t Kaffee verkauft (+16,7% gegenüber dem Vorjahr).

Neue Player am Markt

Lange bildeten die großen Netzwerke wie Fairtrade oder die EZA Fairer Handel GmbH alleine die faire Kaffee-Bastion am Weltmarkt. Doch nach und nach gesellten sich Hunderte kleinere Kaffeeröster dazu. Alle sind sie Bestandteil des globalen Kaffeemarkts. Allerdings würde es ohne die Vorarbeit der EZA keine eigenständigen Händler, die den direkten Handel betreiben, geben, meint Pressesprecherin ­Andrea Reitinger. „Wir sind nicht im fairen Handel eingestiegen, sondern haben ihn nach Österreich gebracht.”

Vor 75 Jahren habe man es noch „Alternativen Handel” genannt, was er im Wesentlichen ja auch ist. Eine Alternative zu einem herrschaftlichen System, wo „Kleinbauern unter die Räder kommen”. Der direkte Handel bzw. der „Direct Trade” ist nach Reitingers Ansicht die Konsequenz der jahrelangen Arbeit der etablierten Unternehmen. „Wir haben darauf aufmerksam gemacht, woher die Produkte eigentlich kommen.”
Die EZA blickt wie Fairtrade auf eine lange Firmenhistorie zurück. Mittlerweile kennt der Großteil der Konsumenten das Konzept, dass den 1.240 Produzenten weltweit einen fixen Grundpreis zahlt, der höher ist als der sensible Weltmarktpreis für Kaffee. Allzu oft lassen Missernten und Schlechtwetterperioden die Preise in den Keller rasseln. Der feste Kaffeepreis der Händler soll den Bauern soziale Sicherheit bieten. Die Zertifikate der EZA und von Fairtrade stehen zudem für internationale Standards, bei denen die Kaffeeproduzenten auf vielen Ebenen nachhaltig profitieren. Beim Direct Trade gebe es so eine ­Sicherheit nicht, kritisiert Reitinger. „Problematisch finde ich den irrsinnigen Wildwuchs im Direct Trade.”

Fairtrade als „klares Konzept”

Neben Andrea Reitinger sind auch der Kaffee Alt Wien-Betreiber Oliver Götz sowie Vertreter des Direct Trade-Modells, Tobias Radinger und Michael Prem, anwesend. „Fairtrade ist ein klar definiertes Konzept”, sagt Götz, der selber bis zu 50% seines Umsatzes mit Fairtrade-Kaffee erwirtschaftet. „Direct Trade ist etwas anderes, da geht es mehr um die Beziehung zwischen dem Kaffeeröster selbst und dem Produzenten.” Tatsächlich setzt sich Radinger, Betreiber der Kaffeefabrik im vierten Wiener Gemeindebezirk, einmal im Jahr ins Flugzeug und besucht Kooperationspartner, bei denen er und elf andere direkt ihren Kaffee einkaufen. Seit 2011 ist Radinger im Kaffeegeschäft tätig und hat sich mit seiner Rösterei der Direct Trade-Gemeinschaft „Roasters United” angeschlossen. Erst vor ein paar Tagen war er noch in Brasilien auf einer Kaffeefarm. Im Jahr röstet Radinger 13 bis 14 t Kaffee – verglichen mit den 550 t der EZA sei das noch „mikro”.

Direct Trade steht für Qualität

„Die Ursprungsidee war, an gute Qualität zu kommen, und die kriegt man nur an der Quelle”, erklärt Tobias Radinger sein Direct Trade-Konzept. Der direkte Handel sei aber nicht allein von den großen Vorgängern geprägt worden. Im Unterschied zu den anderen kommt er jedes Jahr, und verhandelt nicht über den Preis. „Unsere Mindestpreise sind bei 2,75 Dollar /Pfund; Fairtrade zahlt 1,90 Dollar”, so Radinger. Voraussetzung für die hohe Bezahlung ist „einzig eine hohe Qualität”.

Ein Nachteil ist dabei allerdings, dass es dafür keine unabhängigen Kontrollen gibt, auch was die Bezahlung oder die Arbeitsbedingungen der Kaffee-Produzenten angeht. Und darin liegt im Moment wohl auch die größte Herausforderung des direkten Handels: Die eigene Glaubwürdigkeit gegenüber der Konsumenten nicht zu verlieren – denn das Qualitäts-Auditing ihrer Kooperationspartner sei nach Radinger „beschränkt”. Zudem ist es nicht leicht, sich als quasi unabhängiger Händler neben so großen Unternehmen wie der EZA zu behaupten, die seit Langem das Vertrauen der Endkonsumenten genießen und sich regelmäßig unabhängigen Kontrollen stellen müssen. Auf diese können sich die Produzenten verlassen, betont Reitinger. Zudem sind die Bauern nicht „vom guten Willen” eines Unternehmers abhängig. Denn je nach Saison kann die Ernte und die Qualität gut oder schlecht ausfallen.

High-End-Kaffee mit Wert

Zwischen 20 und 30 € pro Kilo zahlt Radingers Direct-Trade Kollege Michael Prem für den Kaffee seiner Handelspartner, den er in seiner Rösterei „Prem Frischkaffee” röstet, Tobias ­Radinger manchmal sogar etwas mehr. „Wir verkaufen keine Mogelpackungen”, setzt er noch einen drauf.

Zwei Modelle, ein Gedanke

Beide verlangen dafür aber auch eine gewisse Qualität. Mit dieser Bedingung fallen allerdings auch viele Bauern wieder aus dem Raster, da sie einen solchen „High-End Kaffee” einfach nicht produzieren können – ein weiterer Kritikpunkt, der vor allem vonseiten von Fairtrade und EZA-Vertretern kommt. Die hohen Preise machen die Produkte der Kaffeefabrik und von Prem Frischkaffee zu Luxusgütern, die sich nicht unbedingt jeder gönnt. Damit stehen sie im krassen Gegensatz zur EZA oder Fairtrade, die eine breite Basisqualität schaffen wollen, um sie für alle Konsumenten leistbar zu machen.

„Es gibt eben nicht das eine Konzept”, sagt Radinger, „und das macht uns sicherlich zu schaffen.” Mit einer „First-World-Sicht” hat Direct Trade aber nicht zu tun. Im Gegenteil – den Namen des Produzenten macht er auf den Packungen in seinem Verkaufsregal sichtbar und gibt dem Kaffee damit einen zusätzlichen Wert. Zudem kostet den Konsumenten eine Tasse Kaffee, auf den Tag heruntergerechnet, nicht mehr als 20 bis 30 Cent –„das sollte es einem schon wert sein”. Und davon könne die Industrie „noch ein bisschen von uns lernen, selbst wenn es nur Storytelling ist”.
Ob nun Direct Trade eine Abgrenzung zu Fairtrade ist oder nicht – am Ende sind sich alle Gesprächspartner einig. Raum muss es für beide Handelsmodelle geben, man wolle sich ja nicht „gegenseitig die Köpfe ­einschlagen”. Viel eher sollten herkömmliche Händler mit ­ihnen am selben Strang ziehen, um das Kolonialdenken zu beenden.

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