RETAIL
Zwischen Bondage und DIY
daniela prugger 17.04.2015

Zwischen Bondage und DIY

Fachhandel Online gibt es noch Wachstumspotenzial, der Löwenanteil des Geschäfts wird noch immer stationär abgewickelt, so der Verband BHB

In Österreich verzeichnete die Baumarktbranche 2014 einen Gesamtbruttoumsatz von 2,39 Mrd. Euro.

Wien. Baumärkte sind wieder sexy. Denn spätestens seitdem der erste Teil der Erotik-Trilogie „Fifty Shades of Grey” die Kino-Welt erobert und den Weg für Bondage und SM-Praktiken in immer mehr Schlafzimmer bereitet hat, verzeichnen Baumärkte eine gestiegene Nachfrage nach Kabelbindern, Seilen und Klebeband. So hielt die von Kingfisher geführte, britische Marke B&Q ihre gut 20.000 Mitarbeiter dazu an, sich „mit dem Inhalt von Fifty Shades of Grey” vertraut zu machen, um auf etwaige sensible Kundenanfragen vorbereitet zu sein. Die Bücher sollen sogar an die 359 Filialen geliefert worden sein. Ausleihzeitraum: eine Woche.

Denn schließlich muss ja auch gegenüber den Fifty Shades of Grey-Nachahmern (der Kunde ist König!)eine „höfliche, hilfreiche und res-pektvolle Art” an den Tag gelegt werden.Doch darüber hinaus sieht die Zukunft für B&Q düster aus, will sich doch Kingfisher von seinen nicht gut laufenden Filialen trennen: Die Baumarktkette will etwa 60 der britischen B&Q-Märkte schließen. Auch auf dem Kontinent will die weltweite Nummer 3 nach den US-Märkten Lowe's und Home Depot einige verlustbringende Läden zumachen. Trotz der ewigen bauMax-Turbulenzen konnte der Baumarkthandel in Österreich 2014 die Branchenentwicklung des Vorjahres bestätigen: Mit einem Gesamtbruttoumsatz von 2,39 Mrd. € verzeichneten die österreichischen Bau- und Heimwerkermärkte im Vorjahresvergleich einen Umsatzzuwachs von 0,8 Prozent bzw. auf bereinigter Verkaufsfläche von 0,7 Prozent.

Ein Markt nach Praktiker

In Deutschland konnte die Branche das von der Praktiker-Pleite aufgerissene Umsatzloch nicht voll ausfüllen. Der Umsatz fiel mit dem kompletten Marktaustritt der Kette um 6,2 Prozent auf 17,63 Mrd. €, so der deutsche Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten (BHB). Doch mit dem Frühling beginnt die wahre Do it yourself-Saison ja gerade erst. Profitieren von der Praktiker-Pleite konnte vor allem die deutsche Baumarktkette Hornbach, die auch ehemalige Standorte von Praktiker und Max Bahr übernommen hat. In Öster-reich wird der ehemalige Kingfisher-Partner bald das Klagenfurter Traditionsunternehmen ÖBAU Egger übernehmen. Im Geschäftsjahr 2014/2015 steigerte der Hornbach-Konzern seinen Nettoumsatz um 6 Prozent auf 3,57 Mrd. €. International wuchs der Umsatz – nach Rückgängen in drei Jahren in Folge – bereinigt um 2,8 Prozent. Ein Blick ins Nachbarland Deutschland zeigt aber auch, dass einige Großflächenspezialisten ihr Geschäftskonzept zu überdenken scheinen. Auch Hornbach verfolgt seit einiger Zeit eine Kleinflächen-Strategie und testet im deutschen Bad Bergzabern das Format „Hornbach Compact”. Daneben probieren die Handelsunternehmen neue Verkaufsmöglichkeiten aus und ergänzen ihre Angebote durch ein breites Onlinesortiment mit Produkten, die auch im Geschäft via Internet bestellt werden können. Neben Hornbach versuchen sich auch Obi und Hagebau im Internet. Doch die Konkurrenz wächst auch dort – und Amazon, eBay oder gar Lidl.de verleiten mit ihren großen DIY-Sortimenten zum Fremdgehen.

Anytime, anywhere

Obwohl das Hauptgeschäft noch stationär abgewickelt wird, hat die Branche Online wachstumsmäßig noch einigen Spielraum nach oben, erläutert der Verband BHB. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 2,33 Mrd. € mit DIY-Sortimenten im Netz umgesetzt. Das ist eine Steigerung gegenüber 2013 um 14,1 Prozent. „Die DIY-Branche hat die wachsende Bedeutung des Internets für die Geschäftsentwicklung des Handels erkannt”, sagte BHB-Hauptgeschäftsführer Peter Wüst. Der Baumarktkunde von heute lege Wert auf ein „Anytime-anywhere-Shopping” – kaufen, wann und wo es ihm gefällt. „Dabei wollen die Kunden weiterhin nicht auf das haptische Erlebnis verzichten, ihre Geräte und Instrumente ausprobieren zu können; zugleich wollen sie aber die Vorteile des Onlinekanals nutzen und Bewertungen einsehen”, schätzt Wüst die Lage ein.

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