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„Am Biermarkt herrscht derzeit eine Goldgräberstimmung” © medianet/APA-Fotoservice/Hinterramskogler
© medianet/APA-Fotoservice/Hinterramskogler

georg biron 23.06.2015

„Am Biermarkt herrscht derzeit eine Goldgräberstimmung”

Conrad Seidl im Interview „Jedes Jahr kommen Zehntausende Menschen ins ‚trinkfähige Alter'. Zudem ­erleben wir allgemein eine Verfeinerung des Geschmacks, neue Speisen, neue Getränke und eine neue ­Bereitschaft, sich damit zu befassen – das geht am Bier nicht spurlos vorüber.”

Wien. Seinen Spitznamen Bierpapst hat Conrad Seidl ganz zu Recht. Kennt er doch die heimische Bierszene und auch die internationalen Trends rund um den Gerstensaft wie die Tasche seiner markanten Lederhose.

Seit mittlerweile 16 Jahren gibt er sein umfassenden Wissen rund um die österreichische Bierkultur in Form des Bier Guides an alle Bierfreunde und jene, die es werden wollen, weiter.
Für die aktuelle Ausgabe hat er mit seinem Team mehr als 1.200 Lokale getestet, bewertet und fein säuberlich aufgelistet. Dazu gibt er auch einen detaillierten Überblick über alle Besichtigungsprogramme der österreichischen Bierszene und stellt die Brauerein vor.
Im exklusiven medianet-Interview spricht der Bierpapst über die aktuellen Trends und Neuheiten auf dem heimischen Markt.


medianet: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Faktoren für den aktuellen Craft Bier-Boom?
Conrad Seidl: Der Craft Bier-Boom erreicht die traditionellen Bierländer mit gewaltiger Verspätung – weil hier ja lange gegolten hat, dass ohnehin alle mit dem Angebot zufrieden wären. Das stimmt sicher für angestammte Biertrinker, aber man darf nicht vergessen, dass es Leute gibt, die bisher keine Biertrinker waren. Das betrifft nicht nur Frauen, sondern jedes Jahr auch Zehntausende Menschen, die neu ins ‚trinkfähige Alter' kommen. Und natürlich erleben wir allgemein eine Verfeinerung des Geschmacks, neue Speisen, neue Getränke und eine neue Bereitschaft, sich damit zu befassen – das geht am Bier nicht spurlos vorüber.

medianet:
Welche umsatzmäßige Bedeutung haben Craft-Biere aktuell am heimischen Biermarkt?
Seidl: Craft-Biere sind derzeit noch eine Nische, hier geht es um ganz wenige Hektoliter. Aber wenn etwa die Zwettler Brauerei 550 Flaschen eines holzfassgereiften Biers abfüllt, dann reden alle darüber. Und irgendwann wollen das immer mehr Menschen probieren. In den USA, wo Craft Bier um 1980 zum Thema geworden ist, macht das Segment inzwischen elf Prozent des Biervolumens, aber erstaunliche 19,3 Prozent des Umsatzes aus.

medianet:
Was war im letzten Jahr die beste Bier-Innovation?
Seidl: Die Herstellung von extrem bitteren, auch von extrem alkoholreichen Bieren war lange Zeit das wesentliche Charakteristikum von Craft-Brauereien. Aus den USA kommt der Trend: ‚Sauer ist das neue Bitter!' Ich denke da sowohl an das Faux Pas von Stiegl als auch an das Wildbrett von Hofstetten – Biere, in denen Brettanomyces-Stämme für einen sauren und trockenen Ton sorgen. Und dafür wird richtig viel Geld bezahlt, im Fall des Wildbrett immerhin 36 Euro im Handel.

medianet: Was sind neben den Craft-Bieren weitere Trends am heimischen und am internationalen Biermarkt?
Seidl: Wir beobachten zwei gleich- bedeutsame Trends: Einerseits gibt es eine Stärkung internationaler Marken, weil diese verlässliche, gut abschätzbare und weltweit gleichbleibende Qualität bieten können – also Heineken, Pilsner Urquell oder auch Erdinger. Andererseits gibt es eine starke Rückbesinnung auf die Regionalität – wenn etwa im Hirter Märzen Braugerste aus Kärnten verarbeitet wird.

medianet:
Unterscheidet sich der heimische Biermarkt stark von anderen, z.B. dem deutschen? Und wenn ja, in welchen Bereichen?
Seidl: Der österreichische Biermarkt unterscheidet sich wenig vom deutschen Markt, aber sehr stark von den Märkten mit weniger Tradition: Hier wird die lokale Komponente, die Beziehung zur heimatlichen Brauerei, viel mehr gepflegt als in anderen Teilen der Welt. Gleichzeitig haben wir in Österreich und Deutschland auch das Phänomen, dass Konsumbiere im Supermarkt relativ billig zu haben sind – was zu größeren Unterschieden gegenüber den Preisen in der Gastronomie führt.

medianet:
Verschiedene Studien und Umfragen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass Biertrinker ihren Marken grundsätzlich sehr treu sind. Wie passt dieses Traditionsbewusstsein zu den vielen neuen Produkten, die auf den Markt kommen?
Seidl: Wer seit Jahren ‚sein' Lieblingsbier, ‚seine' Lieblingsmarke gefunden hat, der wird ihr treu sein – der hat ja schon etwas, was seinem Geschmack entspricht. Aber schauen wir uns die Demografie an: Zum 1. Jänner 2015 sind 88.480 junge Leute gerade 16 Jahre alt geworden. Die trinken nicht unbedingt die Biere ihrer Väter und Großväter.

medianet:
Was halten Sie von Aktionen wie ‚Dorf braucht Wirt' auf Puls4, die von einer heimischen Brauerei gesponsert wird?
Seidl: Wir haben im ländlichen Raum das Problem, dass vielen Dörfern die Nahversorgung verloren gegangen ist – und es ist sehr wichtig, dass die Brauereien erkennen, dass sie dem Wirtesterben entgegenwirken müssen, um ihre Bindung an die Konsumenten zu behalten. Die Forderung nach Erleichterungen gerade für die kleine Gastronomie müsste sich aber vor allem auch an die Politik richten.

medianet:
Werden sich die vielen neu gegründeten kleine Brauereien auch langfristig halten können, oder ist damit zu rechnen, dass etliche wieder verschwinden werden? Was wäre vor allem wichtig, damit sich eine junge Biermarke etablieren kann?
Seidl: Sicher erleben wir so etwas wie eine Goldgräber-Ära, und nicht alle Brauereineugründungen werden überleben. Das wesentliche Kriterium wird sein, dass eine neue Brauerei erklären kann, warum die Welt (also die kleine Welt, in die sie hineinwirkt) gerade auf sie gewartet hat. Und dass sie dann mit einem oder mehreren Produkten konstanter Qualität zeigen kann, dass sie wirklich anders ist als alles auf dem Markt Vorhandene. Niemand braucht noch ein weiteres Märzenbier – oder ein Weizen, das so schmeckt wie die, die ich ohnehin im nächsten Supermarkt finden kann.

medianet:
Was halten Sie persönlich eigentlich von der Diskussion um das Rauchverbot? Viele Wirte befürchten im Zusammenhang damit ja Umsatzeinbußen …
Seidl: Das Rauchverbot wird tatsächlich viele Raucher dazu bringen, lieber daheim zu sitzen – und dort Bier oder was auch immer sie sonst in der Gastronomie konsumiert haben, zu sich zu nehmen.

medianet:
Es ist zu erwarten, dass nach dem Rauchen der Alkohol als nächstes auf der Liste der EU-Gesundheitswächter steht. Braucht es neue Gesetze oder würde man über das Ziel hinausschießen und mehr Schaden anrichten?
Seidl: Sobald die Rauchverbote durch sind, wird sicherlich die Alkoholgesetzgebung in den Fokus der politisch-bürokratischen Gouvernanten geraten. Das kann von höheren Steuern über frühere Sperrstunden bis hin zu kompletten Verboten reichen. Schon jetzt macht das Schlagwort vom Passivtrinken, also dem schlechten Beispiel, das die Beobachtung von Alkoholkonsum etwa für Kinder haben könnte, die Runde. Tatsächlich gibt es ja bereits Länder, in denen Biergärten hinter Sichtschutz versteckt werden müssen – etwa in Kalifornien. Und denken Sie an die englischen Pubs, in denen Kinder (und das heißt de facto auch: junge Mütter) keinen Zutritt haben. Es wird entscheidend sein, dass mündige Bürger jetzt schon klarstellen, dass der Staat nicht alles regeln muss – ja genauer: nicht alles regeln darf!

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