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Marins Antworten © Unique Public Relations/APA-Fotoservice/Rastegar
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Oliver Jonke 04.11.2016

Marins Antworten

Unbequeme Wahrheiten – Pflegebedürfnis und die Logik der Vorsorge und Versorgung in Österreich.

••• Von Oliver Jonke

WIEN. medianet-­Herausgeber Oliver Jonke sprach mit Pro­fessor Bernd Marin, Sozial­wissenschaftler und Wirt­schafts­forscher, der seit 1993 unter anderem die Pflege­vorsorge kritisch betrachtet und offen darüber spricht.

medianet:
Herr Prof. Marin, steuern wir aufgrund der demografischen Entwicklung nicht nur bei den Pensionen, sondern auch im Bereich der Pflegebedürftigen auf ein Problem zu? Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?.
Bernd Marin: Tatsächlich bewirken demografische Entwicklungen wie zunehmende Alterung, Langlebigkeit sowie vermehrt chronische Konditionen bei den weit überdurchschnittlich anwachsenden Hoch- und Höchstaltrigen eine lawinenartige Zunahme sog. alternsbedingter Sozialausgaben (neben den ständig steigenden für Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit und vorzeitige Invalidität) – nämlich für Pensionen, Gesundheit und Langzeitpflege. Doch während wir bei den Renten genau wüssten, was zu tun wäre, ohne dass die Politik bei uns fähig ist, fachlich weitestgehend unstrittige Einsichten auch umzusetzen, wissen wir in der Gesundheitsökonomie und erst recht bei der Pflegethematik kaum auch nur theoretisch, welche Modelle ‚Best Practices' oder auch nur in einer vergleichenden Perspektive gut genug wären.

medianet:
Immer mehr Pflegebedürftige – aber kommen da auch ausreichend viele qualifizierte Pflegemitarbeiter nach? Wie kann man hier etwas verbessern, welche Maßnahmen wären geeignet, um die Lücke schneller zu schließen?
Marin: Also erstens pflegen Frauen, ob wir das wollen oder nicht. Das ist die Realität: 68% der Pflegegeldbezieherinnen oder Pflegebedürftigen sind Frauen. Aber auch 71% der pflegenden Angehörigen in der Familie sind Frauen, sie pflegen über 150.000 ihrer Mütter und 50.000 Schwiegermütter, unbezahlt und häufig auch unbedankt. Bei der bezahlten Arbeit sind 83% der Pflegehilfen, 99% der Heimhilfen, 86% der diplomierten Krankenschwestern und 100% aller Pflege-Leiterinnen Frauen.

Wir haben fast doppelt so viele Pflegegeldbezieherinnen als Deutschland (4,5% zu 2,5%) und ein höchst großzügiges System, das dennoch nur einen kleinen Teil (12% bis 33%) des Pflegeaufwands zu Marktpreisen abdeckt – eine Pflegelücke, die überwiegend durch Familien, Schwarzarbeit oder grenzwertige Services gefüllt wird. Politisch wird fehlgesteuert: Für 3,6% stationär Betreute werden über 90% aller Mittel außer dem Pflegegeld verwendet, während die 96% familiär gepflegten Personen kaum 10% an Zuschüssen für ambulante Dienste erhalten.


medianet: Es werden zurzeit 80% der Pflegebedürftigen von ihren Angehörigen gepflegt. Hat dieses Modell noch Zukunft?
Marin: Natürlich ist dieses familialistische Modell, aus der Sicht der Pflegebedürftigen oft als ideal erwünscht, ohne grundlegende Änderungen der wirtschaftlichen und beruflichen Rahmenbedingungen in diesem Ausmaß nicht aufrechtzuerhalten. Die Pflegelücke pflegender Angehöriger wird unvermeidlich größer; gleichzeitig leben weniger als 4% der Älteren in Heimen, und das wird auch in Zukunft kaum anders sein.

Daher wäre eine familiäre Koordination von Heimhilfen, Tageszentren und ambulanten Diensten in Kombination mit Assistenz und fallweiser Betreuung durch Angehörige wohl eher zukunftstauglich. Doch dass derzeit das Leben der meisten Menschen in einem Hospiz, Pflegeheim oder Krankenhaus endet, obschon 85% von uns lieber zu Hause sterben wollen, kann ja auch nicht auf Dauer so bleiben, ohne schmerzlichste Verelendung ausgerechnet der letzten Lebensjahre.

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